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USA
Dirk Hautkapp
Merkel als Fels in der Brandung

Analysten erwarten Kontinuität und ziehen Parallelen zwischen Trump und der AfD

John McCain, das republikanische Urgestein im Senat von Washington, war einer der Schnellsten. Bereits am Wahlabend entbot der ehemalige Präsidentschaftskandidat via Twitter seine Glückwünsche an Angela Merkel und konstatierte: "Die deutsch-amerikanische Allianz ist wichtig und muss stark bleiben." Justin Trudeau war am Montag soweit. "Freue mich auf die weitere Zusammenarbeit", schrieb der kanadische Premierminister. Und Donald Trump? Der Mann, der täglich Millionen Menschen über den Kurzmitteilungsdienst mit seiner Weltsicht versorgt, blieb drei Tage lang stumm. Zwischen Football, der zum dritten Mal im Kongress gescheiterten Gesundheitsreform und einer humanitären Katastrophe nach Hurrikan Maria fand der amerikanische Präsident keine Zeit, um der Kanzlerin zur Wiederwahl ein paar Worte der Anerkennung zuteil werden zu lassen - oder er wollte keine finden. Ein Telefonat gab es erst am vergangenen Donnerstag.

Lange nach den Motiven zu suchen, verkneift sich das um Trumps Unberechenbarkeit zu Genüge wissende politische Washington. Man nimmt stattdessen teils geschäftsmäßig, teils irritiert zur Kenntnis, dass Merkels Startphase in die vierte Amtszeit durch das zweistellige Abschneiden der AfD mit dem Ende einer gewissen Immunisierung einhergeht. Oder wie es Anne Applebaum, Kolumnistin der Washington Post, beschreibt: "Die nationalistische Rechte wird nun eine laute Stimme im regulären Politikbetrieb Deutschland haben - wie bereits in den Niederlanden, Österreich, Frankreich, Polen, England, Ungarn, Schweden, Finnland, Italien und den Vereinigten Staaten."

Weil die Regierungsbildung im Berlin in all ihren Verästelungen allenfalls politische Feinschmecker bewegt, konzentrieren sich viele Kommentatoren auf die Ursachen für den Einzug der AfD in den Bundestag. Ein Debüt, das für die New York Times einem "zerschlagenen Tabu der Nachkriegsgeschichte" gleichkommt, während ein anderer Autor des Leitmediums sofort den Vergleich zum amerikanischen Präsidenten zieht: "Alexander Gauland will das Volk zurück von dem, was er als Belastung durch Einwanderer sieht, Trump will ein von Weißen dominiertes Amerika." Auch John Moody vom rechtspopulistischen Sender Fox News versuchte, schnell eine Linie zu Trump und der Französin Marine Le Pen zu ziehen. Er konstatierte, dass das Ergebnis für die AfD "ohne Zweifel" auf Merkels "stures Beharren" zurückgehe, die Aufnahme von muslimischen Einwanderern als Deutschlands "Verantwortung" darzustellen. Das war jedoch eine in dieser Ausschließlichkeit klare Einzelmeinung.

Andere Medien erinnern daran, dass 87 Prozent der Stimmen in Deutschland bei anderen Parteien gelandet sind und dass Merkel eine "Gigantin" sei wie ihre Vorgänger "Adenauer, Brandt, Schmidt und Kohl". Dass Merkel die "Flügel gestutzt" worden seien, während ihre "globale Statur wächst", findet auch die "Washington Post" nicht alarmierend. Man geht davon aus, dass die in den USA hoch anerkannte Ostdeutsche weiter ein Fels in der globalen Brandung sein werde. Da passt es, dass Deutschlands US-Botschafter Peter Wittig dem Sender CNBC am Tag nach der Wahl versicherte: "Es wird sehr viel Kontinuität geben, was Deutschlands Rolle in Europa und der Welt angeht."

Unterdessen gingen regierungsnahe Experten davon aus, dass Trump der Dämpfer, den Merkels Union hinnehmen musste, ins Konzept passt. Ausgerechnet am Wahlsonntag stellte er einen neuen Einreise-Bann für Menschen aus mehrheitlich muslimischen dominierten Ländern vor. Auf lange Sicht sieht das konservative Wall Street Journal die "Merkeldämmerung" aufziehen. Für Trumps ehemalige Rivalin Hillary Clinton dagegen bleibt die Kanzlerin "die zurzeit wichtigste politische Führerin der freien Welt".

Der Autor ist USA-Korrespondent der Funke Mediengruppe.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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