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Aufgekehrt
Claus Peter Kosfeld
Schatz, wir sondieren

Mein Nachbar hat mir unlängst mit frohem Blick erklärt, bei ihm zu Hause scheine neuerdings nur noch die Sonne. Sein Geheimnis: Er streitet nicht mehr, sondern sondiert jetzt! Mit seiner Frau. Seit im Bundestag die Sondierung läuft, schaut der Nachbar neben "Zuhause im Glück" wieder regelmäßig politische Nachrichten, um die genialen Kniffe abzugucken, wie chronische Streitlust in gemeinsame Visionen verwandelt werden kann.

Der Nachbar hat nun auch wieder mit dem Schreiben angefangen, noch so ein beachtlicher Bildungsbeifang aus den Nachrichten, nachdem die Sonden wegweisende Ergebnisprotokolle veröffentlicht hatten. Noch bevor seine Frau zum Protest ansetzen kann, hat er das heimische Sondierungsgespräch schon vorformuliert. Ganz wichtig dabei: Kurz fassen und allgemein bleiben, aber das Ziel nicht aus den Augen verlieren. Beispiel? Beide sind der Meinung, der Müll muss weg. Ergebnis: Seine Frau erledigt das kurz. Anschließend macht er ihr klar, wie sehr beide von der Einigung profitiert haben. Praktisch auch, wenn seine Frau zum Protokolltrick greift und formuliert. Beispiel? Ein neues Auto muss her, weil das alte kaputt ist. Da schafft er gleich Fakten und kauft den Boxster auf Kredit, auch wenn hinten nur die Tennistasche reinpasst und die Kinder leider nicht. Höhepunkt der häuslichen Sondierung ist die noble Verzichtserklärung, die der Frau klarmacht, dass der Mann mit ihr notfalls in Liebe durch die Hölle geht. Mein Nachbar will nun aus Kostengründen auf den geplanten Familienurlaub im uckermärkischen Streicheltiergehege verzichten. Er bleibt zu Hause - mit seiner neuen Freundin und einem Netflix-Abo.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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