Inhalt

Landwirtschaft
Jan Grossarth
Eine Frage der Kultur

Beim Streit über die Zukunft der Branche geht es um die Gesellschaft als Ganzes

Die Landwirtschaft ist strategisch und kulturell von großer Bedeutung - sie ernährt uns und interessiert viele. Wegen der Tiere, der Landschaften, die sie prägt, wegen Ängsten vor Herbiziden. Wirtschaftlich ist sie von geringster Relevanz. Jedenfalls, wenn man es in Euro und Cent gemessen betrachtet: Einen Anteil an der Wertschöpfung von 0,6 Prozent des deutschen Bruttoinlandsproduktes (BIP) hatte sie 2016 - die über Jahrtausende wichtigste aller "Branchen". Selbst unter Industriestaaten steht Deutschland fast am Ende der Skala agrarischer BIP-Beiträge. Das wirft die Frage nach der Relevanz auf. Und danach, weshalb der Steuerzahler so viel für Agrarsubventionen aufkommen muss, dass diese rund 40 Prozent des EU-Haushaltes ausmachen.

Dem marginalen Wertschöpfungsanteil steht eine Fülle an kritischen Fernsehbeiträgen, Sachbüchern und politischen Debatten gegenüber: Brauchen wir dafür noch ein eigenes Ministerium? Müssen wir unsere Böden ausbeuten und die Insektenvielfalt riskieren, um Lebensmittel für den Export zu produzieren, die verglichen mit Autos und Industrieanlagen kaum Geld einbringen? Und: Müssten die EU-Flächenprämien gezielter verteilt werden? Für ökologisch gewinnbringende Methoden der Saat, Ernte und Tiermast anstatt weltmarkt-konformer Massenproduktion? Viele Fragen, die nicht neu sind und doch brennend aktuell. Eine radikale Agrarwende ist an den Realitäten der Märkte gescheitert. Tatsächlich steht dabei ökonomisch mehr auf dem Spiel als 0,6 Prozent des BIP. Nämlich die nachgelagerte Wertschöpfung der Lebensmittelindustrie, Logistik oder Gastronomie. Der Versuch einer Agrarwende war auch deshalb schon 2001 erfolglos unternommen worden: Seitdem die damalige Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast (Grüne) "20 Prozent Biolandwirtschaft" als Ziel ausrief, ist der Anteil der Öko-Erzeugung zwar stetig gestiegen, aber lange nicht im gewollten Maß. Gut 7,5 Prozent der deutschen Agrarfläche wird derzeit von rund zehn Prozent der Bauernhöfe nach ökologischen Kriterien bewirtschaftet. 2001 waren dies schon vier Prozent der Fläche und gut drei Prozent der Höfe. Bio-Fleisch verharrt bei einem Marktanteil von weniger als zwei Prozent.

Und "bio" ist nicht mehr das, was sich früher Grüne darunter vorstellten. Wachstum und Masse kommen aus spezialisierter, industrieller Massenproduktion und entsprechen dem EG-Bio-Mindeststandard. Der Anteil der Bio-Lebensmittelumsätze, die auf Ketten wie Aldi, Lidl und Kaufland entfallen, ist gestiegen. Entsprechend resigniert sind die Engagierten von einst.

Mehr als Öko-Quoten Lohnt es sich also, 2017 noch für eine bessere Landwirtschaft zu streiten? Es lohnt sich, und es geht um mehr als Öko-Quoten. Agrarpolitik ist hoch relevant aus drei Gründen und auf drei Diskussionsebenen. Erstens diejenige der Sicherung der Welternährung, von der sich kein Land einfach lossprechen sollte, das reich an Wasser und guten Böden ist. Schließlich soll die Bevölkerung der Erde bis 2030 auf fast neun Milliarden Menschen wachsen und die durchschnittliche agrarische Fläche pro Mensch stetig sinken - so die Prognosen der Vereinten Nationen. Doch "Sättigung" ist nicht alles, und das Argument des Effizienzgebots aus Gründen der "Welternährung" ist ein zweifelhafter Vorwand für Agrarverbände und Konzerne, für weitere Intensivierung des Ackerbaus zu lobbyieren.

Landwirtschaft muss, zweitens, tragfähig sein und die größte technische Herausforderung seit Beginn der Industrialisierung im frühen 18. Jahrhundert meistern. Es geht darum, die dramatische Abhängigkeit der Produktion von fossilen Energieträgern zu lösen. Letztlich ernähren wir uns alle von Erdöl, sagte der Energiehistoriker Rolf Peter Sieferle, der in den 1980er Jahren das Fach der Energie- und Umweltgeschichte mitbegründete. Denn die Feldpflanzen wachsen so zahlreich, weil sie mit Stickstoff gedüngt werden, das unter hoher Energiezufuhr - meist Erdöl - gewonnen wird; Phosphor kommt aus endlichen Lagerstätten in Marokko. Chemische Pestizide sind aus Erdöl gewonnen.

Neues Ackerbausystem Das magische Wort heißt Kreislaufwirtschaft. Nährstoffe müssen im Kreislauf geführt werden. Das kann auf viele Weise gelingen; etwa in Form urbaner Farmen, wo es keine Erde mehr gibt, sondern Nährstofflösungen. Wo Ausscheidungen von Fischen aus Aquakultur als Dünger für Gemüse verwendet wird. Die Rückgewinnung von Phosphor in Kläranlagen wird erprobt. In Japan wachsen erste Erdbeeren für den freien Markt im Hochregal. Mit modernen LED-Lichtern kann jeder im Keller Salat und Tomaten züchten, ganzjährig. Dies alles ist teuer, aber es reift. Das Leitmotiv: Ersetzen von Öl durch elektrischen, erneuerbar gewonnenen Strom, von Einmal- auf Recycling-Dünger von chemischem Pflanzenschutz durch biologischen: Nützlinge fressen Schadinsekten.

Anstelle primitiver Intensivierung muss ein systemisch gedachtes, holistisches, der Komplexität natürlicher Ökosysteme gerecht werdendes Ackerbausystem treten. Schon das ist ein Projekt für Jahre und Generationen. Vielleicht geht es nicht ohne die neuen Methoden der Gentechnik, sogenannte Genomscheren; sicher geht es nicht mit dem primitiven Ingenieursgeist, der in den vergangenen 70 Jahren durch rücksichtsloses Optimieren am Tier und auf dem als geschlossene Fabrik betrachteten Acker die ökologischen Probleme der Gegenwart verursacht hat: Bodendegradierung, Insektenschwund, Tierleid in Mastanlagen für Geflügel und Schweine.

Auf den Ungeist eines rücksichtslos auf Effizienz und kurzfristige Produktivität, eines der Komplexität des Lebens nicht gerecht werdenden, letztlich zynischen statt mitfühlenden Blickes hat die westliche Umweltbewegung erfolgreich hingewiesen. Dies gilt ungeachtet der vielen Hysterien und Fehlalarme, die sie verantwortete ("Waldsterben"). Was aber ist der Kern ihrer Botschaften, der in Zukunft trägt? Viele Probleme sind ja gelöst; die Flüsse werden sauberer, der Atomausstieg ist besiegelt, ein Bewusstsein für die global-ökologischen Folgen der Ernährung und des Konsums sind in Schulbüchern verankert. Der Kern ist nicht die alte Technikfeindlichkeit, den die Umweltbewegung als historischen Ballast mit sich herumschleppt; nicht ideologischer, pauschaler Anti-Konzern-Aktivismus. Die gute Seite der Bewegung ist deren Haltung. Das ist eine kulturkritische, holistische, technik-skeptische Haltung; gestützt auf Wissen, Wissenschaft und eine Verantwortung, die nicht am kleinbürgerlichen Vorgarten oder am alltäglichen Lobbyismus enden will.

Der Wert von Kulturlandschaften Die dritte relevante Dimension ist die der Kultur. Es geht darum, Kulturlandschaften zu erhalten und Freiheiten der Bauern, die immer weniger werden. 270.000 sind es noch, alle 25 Jahre etwa halbiert sich die Zahl der Höfe. Man nimmt es hin wie ein Naturgesetz. Die Bauern sterben aus. Käme es so, ernährten uns nicht mehr Landwirte, sondern ein Industriegeflecht in der Hand von Handelsketten und Banken.

Man braucht einen kulturellen Begriff von Landwirtschaft, um zu verhindern, dass die Besonderheiten dieser Branche aus dem kollektiven Gedächtnis einer urban lebenden Bevölkerung verschwinden. Es wird Landwirtschaftsfabriken geben wie Milchfabriken und Logistikcenter, unsere Kinder werden Ferienbauernhöfe sehen, die wie Streichelzoos sind. Aber es wird darum gehen, dass beide voneinander lernen, miteinander im Gespräch bleiben, trotz der Entfremdung. Das ist eine fast naive Vorstellung. Man darf sie nicht aufgeben. Hätten die Ingenieure der monströsen Putenmastanlagen der Gegenwart das Gespräch mit Bürgern aus den Städten, hätten sie den poetischen und den Kinderblick nicht aus ihren Expertenaugen verloren, wäre die industrialisierte Tiermast so nie entstanden.

Integrierte Lieferketten vergrößern den Einfluss der Handels- und Industrieoligopole und greifen nach der Kontrolle über die Urproduktion. Hähnchenmäster sind nun aber so wenig frei wie Franchisenehmer von McDonald's. Schweinemäster liefern an Tönnies. Ohne Not verschwindet ein System der Versorgung mit Lebensmitteln, das seit Jahrzehnten funktioniert: eine zunehmend industrialisierte, aber inhabergeführte Landwirtschaft. Es ist an der Zeit, zu fragen: Was genau geht verloren? Wollen wir das? Im Kern ist die Frage nach der Zukunft der Landwirtschaft, dieser kleinen, unwichtigen Branche, eine kulturelle. Es lohnt sich, sie als solche zu diskutieren.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag