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Bahn
Susanne Kailitz
Das bisschen Verspätung

Ronald Becker genießt seinen Arbeitsweg im Zug

Ich fahre seit etwa vier Jahren jeden Tag mit der S-Bahn von Dresden nach Pirna und zurück. Die Fahrt dauert etwa 25 Minuten - und ich genieße diese Zeit. Morgens kann man sich in Ruhe in den Tag reindenken. Und abends ist es eine gute Gelegenheit, den Tag Revue passieren zu lassen. Manchmal nutze ich die Gelegenheit, noch E-Mails abzuarbeiten. Ich bin Referent bei einem Verein, der politische Bildung mit Kindern und Jugendlichen betreibt, da sind die Tage ziemlich voll und trubelig und man schafft am Schreibtisch nicht immer, was man sich vorgenommen hat.

Manchmal verordne ich mir auf meinem Weg zu und von der Arbeit aber auch ganz bewusst eine handyfreie Zeit. Einfach, um den Kopf freizukriegen. Diese Phasen finde ich ganz wichtig. Ich fände es stressig, direkt aus dem Büro ohne Zwischenphase nach Hause zur Familie zu kommen, wo es auch wieder chaotisch und laut ist - diese kleine Auszeit dazwischen ist genau das, was ich gut finde.

Keine Parkplatzsuche Zwischen meiner Wohnung und meinem Arbeitsplatz liegen ungefähr 20 Kilometer. Als ich meinen Arbeitsvertrag unterschrieben habe, habe ich mir ausgerechnet, welche Kosten das bedeutet. Würde ich das Auto benutzen, müsste ich nicht nur das Benzin bezahlen, sondern auch den Verschleiß und mögliche Reparaturen einbeziehen; da kommt schon einiges zusammen. Und da haben wir noch gar nicht über die Parkplatzsituation in Pirna geredet - die ist nämlich katastrophal und nicht zuletzt teuer, wenn man darauf angewiesen ist, das Auto den ganzen Tag abzustellen. Jetzt habe ich eine Jahreskarte der Dresdner Verkehrsbetriebe. Die kostet monatlich um die 70 Euro. Das finde ich total in Ordnung.

Mit dem Abo kann ich kostenfrei mein Fahrrad mit in die Bahn nehmen. Auf die Art kann ich jeden Morgen von zu Hause mit dem Rad zu S-Bahn fahren und bin dann ganz schnell vom Bahnhof im Büro. Und das Bahnfahren hat gegenüber dem Auto auch andere Vorzüge. Wenn man selber fährt, muss man sich konzentrieren - ich dagegen kann im Zug auch einfach mal die Menschen um mich rum beobachten, das mache ich echt gern. Diese Woche zum Beispiel war ein Mann im Abteil, der aussteigen wollte und sein Fahrrad nicht rausbekommen hat. Alle haben ihn nur angestarrt und nichts gemacht. Aber als ich ihm dann die Tür aufgehalten habe und er sich richtig gefreut hat, haben mehrere Leute zu mir gesagt, dass das eine gute Aktion war. In solchen Momenten muss ich oft lachen - und frage mich, was für ein seltsames Miteinander wir doch manchmal haben.

Ich weiß, dass vor allem viele Leute auf den öffentlichen Nah- und Fernverkehr schimpfen, die ihn gar nicht regelmäßig nutzen. Die erleben dann einmal eine Verspätung und glauben, das sei immer so. Ich habe damit kein Problem. Klar ist auch mal eine S-Bahn verspätet - aber da reden wir über fünf Minuten. Das hat auf meine Tagesplanung keine Auswirkung. Wenn ich auf längeren Strecken unterwegs und auf Anschlüsse angewiesen wäre, würde ich darüber möglicherweise anders denken.

Tarifwirrwar beenden Bei aller Zufriedenheit: einen Wunsch gibt es dann doch. Der Verkehrsminister hat vor einem Jahr angekündigt, die Digitalisierung im Öffentlichen Verkehr voranzutreiben und den Papierfahrschein bis 2019 abzuschaffen. Digitalisierung scheint gerade überall sexy.

Aber dass Eltern ihr sechsjähriges Kind mit einem Smartphone ausstatten müssen, damit es ein E-Ticket für den Schulweg downloaden kann, finde ich unmöglich. Dann sollten die Politiker lieber erstmal auf eine Harmonisierung im Tarifwirrwarr der verschiedenen regionalen Anbieter hinwirken.

Susanne Kailitz ist freie Journalistin in Dresden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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