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E-AUTO
Timot Szent-Ivanyi
Noch nicht so sauber wie es scheint

Der Abbau der erforderlichen Metalle ist umstritten

Wer in die Fahrzeugpapiere seines Elektroautos schaut, wird sich darin bestätigt fühlen, etwas für das Klima zu tun: Im Feld "Kohlendioxid-Ausstoß" findet sich der beeindruckende Wert von 0,0 Gramm, egal wie viel PS unter der Haube sind. Gefälscht ist hier - anders als beim Dieselskandal - nichts. Dennoch führt die angegebene Null-Emission auf die falsche Fährte. Denn es reicht für die ökologische Bilanz eines E-Autos nicht, den Ausstoß von Treibhausgasen während der Fahrt zu betrachten. Das E-Auto trägt vielmehr einen enormen "CO2-Rucksack" mit sich herum, der bei der Erzeugung des Ladestroms und der Produktion der Batterie gefüllt wird. Daneben lassen weitere Probleme daran zweifeln, ob das E-Auto die geeignete Alternative zum Verbrennungsmotor ist.

Der in der Fachwelt tobende Streit, ob ein E-Auto gegenüber herkömmlicher Technik einen ökologischen Vorteil hat und wie hoch dieser gegebenenfalls ist, trägt schon fast religiöse Züge. Vielen Umweltschutzverbänden gilt der Umstieg auf den Elektroantrieb als alternativlos. Wird der vermeintliche Vorteil hinterfragt, werden die Ergebnisse nicht selten unsachlich verrissen. Kommt das E-Auto gut weg, werden die Studien wie unumstößliche Beweise behandelt. Dabei ist allerdings kaum zu überblicken, ob tatsächlich immer alle Aspekte, die zu einer realistischen Bewertung des ökologischen Fußabdrucks nötig sind, eingeflossen sind. Der gesamte Produktions- und Lebenszyklus eines Fahrzeugs ist so komplex, das er kaum vollständig abgebildet werden kann.

Die einfachste Frage ist dabei noch die des Energie-Verbrauchs und der damit verbundenen Emissionen. Mit dem in Deutschland produzierten Strom verursacht ein E-Auto einen beträchtlichen CO2-Ausstoß und dazu auch noch Atommüll. Schließlich wird zwei Drittel des Stromes in Kohle- und Atomkraftwerken erzeugt.

Weniger Ausstoß Dennoch kommen viele Studien zu dem Schluss, dass das E-Auto selbst unter diesen ungünstigen Bedingungen schon heute etwas sauberer fährt als ein vergleichbares Fahrzeug mit Verbrennungsmotor. So ergibt sich etwa für einen Opel Ampera ein C02-Ausstoß von 76 Gramm je Kilometer. Die sparsamsten Kleinwagen mit Verbrennungsmotor kommen auf 100 Gramm.

Zusätzlich muss aber die aufwändige Produktion der Batterie berücksichtigt werden. Sie verursacht je nach Kapazität Emissionen von mehreren Tonnen C02. Um diese Vorbelastung auszugleichen, müssen E-Autos auf eine beachtliche Fahrleistung von bis zu 150.000 Kilometer kommen und dafür über zehn Jahre auf der Straße bleiben. Nur dann sind sie wirklich emissionsärmer als Wagen mit Verbrennungsmotor.

Problem Rohstoffe Wird der Anteil regenerativer Energien im Strommix indes wie geplant erhöht, wächst der Vorteil aus dem reinen Fahrbetrieb so stark, dass die ökologische Hypothek aus der Batterieproduktion deutlich schneller abgetragen wird. Zudem dürften Batterien dank des technischen Fortschritts künftig immer emissionsärmer hergestellt werden. Der Vorteil des E-Autos im Vergleich zu herkömmlichen Fahrzeugen steigt damit.

Andere Vorbelastungen lassen sich dagegen nicht so einfach kompensieren: Bei der Produktion von Batterien und Elektromotoren werden mehr sogenannte Technologiemetalle wie Lithium, Kobalt, Grafit oder Mangan benötigt als in konventionellen Autos. Diese Stoffe werden nur in wenigen Ländern gefördert - zumeist unter schlimmen Bedingungen für die Arbeiter. Immerhin 60 Prozent der weltweiten Kobalt-Produktion kommen aus dem Kongo, wo in den Minen Kinderarbeit an der Tagesordnung ist. Als wahrscheinlich gilt zudem, dass mit den Erlösen bewaffnete Auseinandersetzungen in der Region finanziert werden.

Der Abbau der Metalle in wenig entwickelten Ländern führt zugleich zu gravierenden Umweltschäden. Schwermetalle gelangen in die umliegenden Gewässer, die in den Lagerstätten fast immer anfallenden radioaktiven Stoffe schädigen Arbeiter und Anwohner. Gut die Hälfte der Lithiumförderung stammt aus Salzseen insbesondere in Südamerika, was den Wasserhaushalt in den ohnehin sehr trockenen Gebieten massiv schädigt. Einen Ausweg bietet das Recycling, doch die dafür nötigen Methoden stecken noch in den Kinderschuhen. Bevor diese Probleme nicht gelöst werden, ist das E-Auto längst nicht so sauber wie es scheint.

Der Autor ist Verkehrsexperte der DuMont-Hauptstadtredaktion.

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