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VIELFLIEGER
Johanna Metz
Nomaden des 21. Jahrhunderts

Mit dem Flugzeug zur Arbeit - ein Leben zwischen Meeting, Lounge und Hotelzimmer

322 Tage im Jahr verbringt Ryan Bingham im Flugzeug, rund 350.000 Meilen fliegt er in dieser Zeit kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten. Sein Job: Leute feuern. Maßanzug, graumeliertes Haar, Trolley, das Handy stets am Ohr, so spurtet der Geschäftsmann, gespielt von George Clooney in Jason Reitmans Kinoerfolg "Up in the Air", durch die Terminals der amerikanischen Provinzflughäfen. Und legt dabei eine bewundernswert-reibungslose Effizienz an den Tag: Bingham schwebt geradezu über die Laufbänder zum Check In, wo er am Stammkunden-Schalter (natürlich ohne Schlange) lässig seine Vielfliegerkarte zückt, und von dort weiter zur Sicherheitsschleuse, wo er der neuen Kollegin beiläufig erklärt, wie man am schnellsten ins Flugzeug kommt. Niemals hinter Familien, Arabern und alten Leuten anstellen! Dann zieht er die Slipper aus, legt Uhr und Portemonnaie ab, faltet sein Sakko, schiebt alles in der Plastikschale über das Band und entschwindet kurz darauf in die Business Class zum nächsten Termin. Tausend Mal gemacht, ein Tag wie jeder andere im Leben des Ryan Bingham.

Bingham ist in Reitmans Komödie einer dieser modernen Nomaden, die heute ganz selbstverständlich zur Kulisse eines Flughafens gehören. Ein Handlungsreisender des 21. Jahrhunderts, ewig rastlos, grenzenlos mobil und maximal effizient. Ein Leben zwischen Meeting, Airport-Lounge und Hotelzimmer, Take off und Landung. So wie es seit vier Jahren auch der Berliner Unternehmensberater Daniel Reck (30) kennt. Er fliegt regelmäßig mit dem Flugzeug zur Arbeit, seit zwölf Monaten pendelt er zweimal die Woche zwischen Berlin und Düsseldorf. Auch seine Logistik ist ausgefeilt: Um 7:10 Uhr steigt er dienstags ins Taxi, damit er pünktlich im Flugzeug sitzt, das um 8:10 Uhr startet. Anderthalb Stunden und eine Taxifahrt später sitzt er schon beim Klienten in Düsseldorf. Donnerstags geht es zurück, gerne kommt er da zehn Minuten eher zum Flughafen, um in der Lounge zu essen - der Status als ,,Frequent Traveller" macht's möglich.

Rund hundert Flüge absolviert der Berliner so im Jahr, für ihn längst keine große Sache mehr: "Das gehört für mich zum Alltag." Entspannt ist sein Arbeitsweg trotzdem nicht. "Reisezeit ist Arbeitszeit", stellt Reck klar. Und räumt ein, dass ihn sein Job in dieser Hinsicht verändert hat: ,,Ich bin es nicht mehr gewohnt zu reisen, ohne etwas im Flugzeug zu tun. Es irritiert mich richtig, wenn ich Leute sehe, die einfach nichts machen." Demnächst will er mit Freunden für ein verlängertes Wochenende zum Skifahren nach Österreich aufbrechen - mit dem Flugzeug natürlich, "denn das ist effizient und dabei oft auch billiger". Sein Skigepäck darf der Vielflieger inzwischen gratis mitnehmen.

Prämien und Privilegien Die Fluggesellschaften lieben Kunden wie Reck. Sie locken mit Bonusprogrammen, die ab einer bestimmten Zahl zurückgelegter Meilen Rabatte, Prämien und Privilegien versprechen. Eine ganze Wirtschaft hat sich darum inzwischen entwickelt: In unzähligen Blogs berichten Vielflieger nicht nur von ihren Erfahrungen in der Luft - Einblicke in First Class-Kabinen inklusive -, sondern verraten auch Tipps und Tricks zum Meilensammeln. Ihr Ehrgeiz ist bisweilen beachtlich. So zielt der "Mileage run" darauf, auf einer Flugreise in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Meilen zu erwerben. Auch Firmen haben sich auf das Thema spezialisiert. So betreibt der frühere McKinsey-Berater und Vielflieger Alexander Koenig eine kostenpflichtige Webseite, auf der Nutzer täglich aktualisierte Informationen zum Meilensammeln und -verwerten erhalten. Andere Unternehmen prüfen für ihre Kunden, wie sie die Meilen ihrer Angestellten für Firmenzwecke verwenden und damit Geld sparen können.

Daniel Reck ist das Anhäufen von Flugmeilen nicht so wichtig, vom Status eines Jetsetters wie Ryan Bingham, der im Film unbedingt die Zehn-Millionen-Meilen-Marke knacken will, ist er ohnehin weit entfernt. Anders der US-Amerikaner Thomas Stuker: Den umtriebigen Autoverkäufer hat seine Sammelleidenschaft in den Staaten regelrecht zum Star gemacht. Seit 1971 ist der Geschäftsmann 18 Millionen Meilen bei nur einer einzigen Fluggesellschaft geflogen - wenn er mal eine Woche lang nicht fliegt, "stimmt irgendetwas nicht", berichtet er. Dabei hatte Stuker in jungen Jahren sogar Flugangst. Heute begrüßen ihn Crew und Piloten mit Handschlag, sogar ein Flugzeug hat United Airlines nach ihm benannt

Aus Politik und Zeitgeschichte

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