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HeimArbeit
Claudia Heine
Grenzen ziehen zwischen Job und Feierabend

Home-Office ist attraktiv, macht Beschäftigte aber nicht automatisch zufriedener

Das wird die Arbeitgeber freuen: Wer außerhalb seines Betriebes mit Laptop oder Smartphone arbeitet, hat meist längere Arbeitstage als im Büro, ist aber trotzdem genauso zufrieden. Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls die Studie "Mobiles Arbeiten in Deutschland und Europa", die das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln im Herbst veröffentlichte. Demnach arbeiten die sogenannten mobilen Computerarbeiter im Schnitt rund vier Stunden pro Woche mehr, halten die gesetzlich vorgeschriebene Ruhezeit von elf Stunden seltener ein und haben öfter Arbeitstage von zehn Stunden oder länger. Die Studie führt dies auch darauf zurück, dass rund 20 Prozent dieser mobil Arbeitenden Führungskräfte seien, die ohnehin oft längere Arbeitszeiten haben.

Warum die Zufriedenheit unter der Mehrarbeit nicht leidet, erklärt Studienleiter Oliver Stettes so: "Diese Menschen haben dafür mehr Autonomie, also mehr Souveränität zu entscheiden: Wie arbeite ich, wann arbeite ich, was arbeite ich." So gaben 63 Prozent der Befragten an, dass sie während der Arbeit jederzeit ein bis zwei Stunden für persönliche Angelegenheiten frei nehmen können. Dadurch entstehe eine Balance und eine insgesamt positive Wahrnehmung mobiler Arbeit. Allerdings, so ergänzt der IW-Autor, "fällt es einigen Beschäftigten ohne Zeiterfassung auch schwerer, den Ausgleich von Mehrarbeit durch Freizeit einzufordern".

Stress und Schlafmangel Kritiker sprechen in diesem Zusammenhang von der Gefahr der Entgrenzung. Denn das Home Office eröffnet zwar einerseits Möglichkeiten, Arbeit und Familienleben besser zu vereinbaren. Es wird als Alternative zu lauten Großraumbüros gepriesen, in denen sich Mitarbeiter oft abgelenkt fühlen. Die Heim-Arbeiter loben außerdem, zu Hause konzentrierter arbeiten zu können. Andererseits klagen laut einer Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) 42 Prozent der Beschäftigten, die ständig mobil oder nur von zu Hause aus arbeiten, über hohen Stress und Schlafstörungen. Bei Beschäftigten mit Präsenzarbeitsplatz ist es demnach nicht einmal jeder Dritte. Wenn die Grenze zwischen Arbeitszeit und Freizeit zusehends verschwimmt und in tatsächlicher Mehrarbeit endet, kann das Home Office also auch genau das Gegenteil bewirken und die Work-Life-Balance durcheinanderbringen.

Mischung Damit mobiles Arbeiten ein Gewinn für die Beschäftigten ist, müssten Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden, betont DGB-Experte Oliver Suchy. "Es muss ein Recht auf Nicht-Erreichbarkeit außerhalb der vereinbarten Arbeitszeiten geben und die Arbeitszeit muss erfasst und in vollem Umfang vergütet werden", fordert er. Außerdem rät er dazu, Home Office nicht als Gegenmodell zum betrieblichen Arbeitsplatz, "sondern als flexible Ergänzung zu sehen, damit der direkte Kontakt unter den Kollegen nicht leidet". Dies kommt auch den Interessen vieler Beschäftigter entgegen. Denn die von der IAO befragten Heim-Arbeiter bewerteten die Abstimmung unter den Kollegen klar als mangelhaft. Auch laut Statistischem Bundesamt wünschen sich 41 Prozent der Beschäftigten eine Mischung aus beidem, während nur 21 Prozent komplett zu Hause arbeiten wollen.

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit klaffen beim Thema Home Office ohnehin noch große Lücken. Denn aktuell arbeiten nur rund zehn Prozent der Beschäftigten in Deutschland von zu Hause aus, 40 Prozent der Tätigkeiten seien jedoch dafür geeignet, stellt die IAO fest. Aber die Zahl der Firmen, die Home Office anbieten, steigt. Gleichzeitig verändern sich auch die Konzepte für die Gestaltung von Büro- und Begegnungsorten. "Coworking Spaces", die Einzelunternehmen, Freiberuflern und auch Mitarbeitern großer Firmen eine temporäre Arbeitsumgebung bieten, boomen. In ländlichen Regionen scheitern solche Konzepte allerdings oft am nicht vorhandenen High-Speed-Internetzugang.

Ob Home-Office oder "Coworking Spaces": Flexible Angebote zur Gestaltung der Arbeitszeit bestimmen zunehmend die Attraktivität der Arbeitgeber. "Der Wettlauf um qualifizierte Mitarbeiter wird härter, sie zu gewinnen und dauerhaft zu binden, ist für diese erfolgsentscheidend", stellt das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation fest.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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