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ländlicher raum
Michael Wojtek
Problemzonen in der Provinz

In manchen Regionen ist die Versorgungslage schlecht. Dort müssen Bürger und Anbieter flexibel sein

Wie sieht es aus mit den Möglichkeiten der Fortbewegung in der deutschen Provinz? Die landläufige Meinung, zumindest die vieler Stadtbewohner, ist: schlecht. Doch lebt mehr als die Hälfte der Einwohner Deutschlands auf dem Land, in einem der 35.000 Dörfer und in Kleinstädten mit maximal 10.000 Einwohnern. Und dort heißt es wohl oft: Alles gar nicht so schlimm. So interpretiert zumindest der Deutsche Städte- und Gemeindebund (DStGB) die Ergebnisse einer Umfrage. Bei allen Problemen ist die Zufriedenheit in den Dörfern laut der Langzeitstudie "Ländliche Lebensverhältnisse im Wandel" ungebrochen hoch - sowohl im Osten als auch im Westen. Zumindest noch. Denn die Zeichen verheißen nichts Gutes. Demografen, Kommunalpolitiker, Wissenschaftler, Verkehrsexperten und Mediziner warnen vor Abwanderung und schlechter Versorgung.

Auf der anderen Seite sagen Experten wie Daniel Dettling, Leiter des Berliner Büros des Zukunftsinstituts, dem Leben auf dem Land gehöre die Zukunft. Für das Ende der Urbanisierung und das Comeback der ländlichen Räume sprächen globale, ökonomische und technologische Gründe.

Regionen fördern Die Politik sieht sich in der Pflicht, den ländlichen Gegenden zu helfen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte kürzlich, der Staat müsse "Konzepte und Anreize entwickeln, um in einer gesamtgesellschaftlichen Anstrengung größere Härten abzuwenden". Ältere Menschen in den ausgedünnten Gebieten erlebten einen Einschnitt nach dem anderen. Es gehört zu den Aufgaben der Politik, gleichwertige Lebensverhältnisse in Städten und ländlichen Räumen zu schaffen. Um die Weichen für ein gutes Leben auf dem Land zu stellen, will die Bundesregierung das System der Regionalförderung verstärkt auf die strukturschwachen Regionen konzentrieren. Auch Bundesminister Christian Schmidt (CSU), derzeit zuständig für die Ressorts Verkehr und Landwirtschaft, sieht die ländlichen Räume ganz oben auf der Prioritätenliste. Er fordert eine "Land-Milliarde", ein Bundesprogramm mit einem Volumen von 250 Millionen Euro jährlich in der neuen Wahlperiode.

Um in den ländlichen Räumen eine ortsnahe Versorgung mit öffentlichen und privaten Dienstleistungen und Infrastrukturen sowie eine bedarfsgerechte Mobilität für alle Bevölkerungsgruppen zu sichern, hat das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur 18 Modellregionen benannt, in denen die Lebensqualität verbessert und die wirtschaftliche Entwicklung ermöglicht werden sollen. Dabei werden die verschiedenen Ziel- und Nutzergruppen - Jugendliche, Familien mit Kindern und ältere Menschen - vor Ort eingebunden (www.modellvorhaben-versorgung-mobilitaet.de).

Mitfahrprojekte Daneben werden innovative Mobilitätskonzepte wie etwa ein Mitfahrprojekt in der Kreisstadt Freyung in Niederbayern unterstützt. Dabei handelt es sich laut Ministerium um einen nachfragegestützten Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPVN). Bei diesem Konzept müssen sich die Bürger der 7.000-Einwohner-Stadt nicht mehr nach Fahrplänen mit starren Abfahrtszeiten und festgelegten Routen richten, sondern der ÖPNV richtet sich nach den Fahrgästen. In einer Smartphone-App können sie eingeben, wohin sie fahren möchten. Ein Shuttle holt sie dann ab und sammelt unterwegs weitere Fahrgäste ein, die in dieselbe Richtung wollen. Seit September erweitern die Shuttle-Busse das Angebot. Hintergrund ist laut Bürgermeister Olaf Heinrich, dass der ÖPNV in Freyung wie an vielen Orten im ländlichen Raum die Bedürfnisse der Bürger derzeit nicht optimal bedienen kann.

Bürgerbusse Beim DStGB verweist Referatsleiter Carsten Hansen auf eine ganze Reihe von Angeboten, zum Beispiel Bürgerbusse, die den klassischen Nahverkehr ergänzen. "Wir kommen aber sehendes Auges in eine schwierige Situation", sagt Hansen voraus. Gefragt sei ein modernes ÖPNV-Angebot, denn aufgrund der demografischen Entwicklung komme die öffentliche Mobilität an ihre Grenzen. Gleichzeitig nehme der Mobilitätsbedarf wegen der zunehmenden Zentralisierung zu.

Ganz oben für den DStGB stehe daher, die Funktionsfähigkeit der Kommunen zu erhalten und sie attraktiv für die Bewohner zu machen. Auch Hansen verweist auf das Beispiel Freyung, nennt aber auch das Projekt eines autonom fahrenden E-Kleinbusses in Bad Birnbach, das seit Oktober als Kooperation von Deutscher Bahn und Regionalbus Ostbayern mit dem Landkreis Rottal-Inn und der Marktgemeinde Bad Birnbach läuft. Als weiteres Beispiel erwähnt Hansen das vom Nordhessischen Verkehrsverbund (NVV) eingeführte integrierte Mobilitätsangebot namens Mobilfalt. Das Konzept verknüpfe den Individualverkehr mit allem, was in den Fahrplänen des NVV zu finden ist: Anrufsammeltaxi, Bus, Tram, RegioTram und Bahn.

Ein weiteres, von der Berliner Beratungsfirma Interlink in Brandenburg konzipiertes Projekt nutzt vorhandene ÖPNV-Kapazitäten, um mit Innovationen die Beförderungspflicht auf dem Land für Kommunen erschwinglicher und damit attraktiver zu gestalten. Interlink will zeigen, dass man auch unabhängig vom Auto mobil sein kann, sagt Projektleiterin Anja Sylvester. Zwischen 2010 und 2013 entwickelte das Unternehmen zusammen mit Partnern den Kombibus, der die Mitnahme von Gütern kleiner lokaler Versender im Linienbus ermöglicht. Ideal für Landwirtschafts- und Tourismusbetriebe, sagt Sylvester. Interlink baut das Projekt nun zur LandLogistik für Brandenburg aus und erhält dafür eine Förderung des Landes.

Der Bus sei keine Konkurrenz für die etablierten Logistikunternehmen, sondern biete neue Transportleistungen. Als Beispiel nennt Sylvester die Bauernkäserei Wolters in Bandelow in der Uckermark, die den Kombibus für den Vertrieb nutze und auch das Lager des regionalen Vermarkters Q-Regio beliefere. So würden die Frachtkosten gesenkt, und Betriebshof und Haltestellen könnten auch als Sammelstelle für den Weitertransport durch andere Logistikfirmen genutzt werden. Vorteile des Bustransports seien die durch den Fahrplan garantierte Pünktlichkeit und ein guter Service, denn was für Fahrgäste gelte, gelte auch für die Sendungen.

Patientenmobil Manch gut gemeinte Idee scheitert jedoch an der Finanzierung. Zur Verbesserung der medizinischen Versorgung auf dem Land setzen beispielsweise die Bezirksstelle Aurich der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) und der Landkreis Leer noch bis Ende des Jahres in einem Modellprojekt ein Patientenmobil ein, um mobilitätseingeschränkte Menschen nach Leer zum Arzt zu bringen. Über eine Anrufzentrale werden Anfragen aus einer Gemeinde gebündelt und daraus Routen mit möglichst geringer Fahrzeit erstellt. Das Patientenmobil soll als Ergänzung der bestehenden Angebote eine Verbindung von Haus zu Haus schaffen, erläutert Dieter Krott, Geschäftsführer der KVN-Bezirksstelle Aurich. Autos oder Kleinbusse fahren zwei Mal pro Woche. Der Fahrpreis beträgt 4,60 Euro je Fahrt bei tatsächlichen Fahrtkosten von 45 Euro. Das vom Landkreis finanzierte Projekt mit Weser-Ems-Bus als Subunternehmer bekomme aber keine weiteren Gelder, sagt Krott. Eine Anschlussregelung gebe es nicht.

Gedanken über die Verbesserung der Lebensqualität im ländlichen Raum macht sich auch der Ostdeutsche Sparkassenverband (OSV). Zusammen mit der Sparkasse Meißen setzte er bereits 2014 eine Idee des Berliner Projektbüros InitialDesign um, die sich bis heute bewährt hat und Nachahmer findet: die Große Emma. Im nordsächsischen Dorf Zabeltitz wird so versucht, die Schließung von Zweigstellen zu kompensieren. Genutzt wird ein leer stehendes Gebäude der örtlichen Agrargenossenschaft, in dem unter Federführung der Sparkasse verschiedene Dienstleister untergebracht sind. Sie teilen sich die Kosten und stimmen Öffnungszeiten aufeinander ab. Der OSV sieht das als moderne Form der Wirtschaftsförderung im Landkreis.

In Zabeltitz stehen für die Große Emma etwa 150 Quadratmeter zur Verfügung. Dort bietet die Sparkasse Meißen stundenweise Serviceleistungen und Beratungsgespräche an, was gut angenommen werde, wie Sprecher Ralf Krumbiegel sagt. Daneben seien ein Friseur, die Diakonie, ein Paketshop und ein Postdienstleister, ein Lohnsteuerbüro und eine Rezeptsammelstelle vor Ort. Interesse an einer Übernehme des Modells gibt es Krumbiegel zufolge bei den Sparkassen und Kommunen in Bayern, Sachsen-Anhalt, Hessen und Thüringen.

Der Einzelhandel sieht sich hingegen aktuell nicht in der Lage, an der bisweilen schlechten Versorgungssituation auf dem Land etwas zu ändern. Der für Standort- und Verkehrspolitik zuständige Bereichsleiter beim Handelsverband Deutschland (HDE), Michael Reink, wirft der Politik vor, keine ausreichenden Voraussetzungen für den geforderten Verbleib der Händler auf dem Land zu schaffen. Dabei gebe es dort "extrem gute Entwicklungsmöglichkeiten". Nötig sei vor allem der flächendeckende Breitbandausbau, um Arbeitsplätze zu schaffen. Wenn im ländlichen Raum wieder mehr Menschen wohnten, komme der Handel mit seinen Angeboten dann von ganz allein.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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