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Claus Peter Kosfeld
Mobilitätsangebote für alte Leute in einer komplexen Welt

Viele ältere Leute führen ein aktives Leben und formulieren auch entsprechende Ansprüche. Die Kommunen müssen sich darauf einstellen

Mobilität ist im Alter auch eine Frage der Abwägung, denn die alltäglichen Hürden, die es zu überwinden gilt, wachsen. Das bedeutet nicht, dass ältere Leute kein Interesse hätten, aus dem Haus zu gehen und Leute zu treffen. Im Gegenteil: Untersuchungen zeigen, dass der Wunsch nach Aktivität unter Senioren verbreitet ist und der Verlust an Mobilität als eines der zentralen Risiken im Alter angesehen wird.

Da die Gesellschaft insgesamt altert und die Senioren schon lange keine Randgruppe mehr sind, müssen Stadtplaner, Verkehrsplaner und Sozialexperten sich verstärkt auf die ältere Generation einstellen und Angebote unterbreiten. Etliche Kommunen haben das bereits erkannt, Projekte ins Leben gerufen und Untersuchungen in Auftrag gegeben, um zu erfahren, was Senioren können, brauchen und wollen.

Mobile Senioren Kein Zweifel: Die Alten in Deutschland kommen, und sie kommen mit Macht, wie die Statistiker hochgerechnet haben. Ende 2015 lebten in Deutschland rund 17 Millionen Menschen im Alter von 65 Jahren oder älter, das entspricht einem Anteil an der Gesamtbevölkerung von rund 21 Prozent. Somit gehört bereits jeder fünfte Bürger der Rentnergeneration an.

Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes wird im Jahr 2060 sogar jeder dritte Bewohner zur Generation 65plus zählen. In der Altersklasse 60 bis 79 ist bereits im Zeitraum zwischen 2020 bis 2030 mit einem erhöhten Anstieg zu rechnen, hier machen sich die sogenannten Babyboomer aus den 1960er Jahren dann bemerkbar. Wie der "Generali Altersstudie 2017" zu entnehmen ist, führen viele Senioren ein mobiles Leben und formulieren auch entsprechende Ansprüche. So gaben 27 Prozent der Befragten im Alter zwischen 65 und 85 an, täglich mit dem Auto zu fahren, 28 Prozent erklärten, sie gingen jeden Tag spazieren, immerhin 17 Prozent fahren noch täglich mit dem Rad. Verschiedene andere Studien haben jedoch gezeigt, dass dem Mobilitätsbedürfnis der älteren Generation eine Infrastruktur entgegensteht, die vor allem den Fähigkeiten und Interessen jüngere Menschen entspricht, die Alten aber oft außen vor lässt.

Sicherheit gefragt So haben ältere Leute vor allem ein größeres Sicherheitsbedürfnis, wenn sie außerhalb ihrer eigenen Wohnung unterwegs sind. Das Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) konstatiert in dem Zusammenhang: "Die Angst, Barrieren nicht mehr überwinden zu können, führt zum Rückzug in noch beherrschbare Bewegungsräume. Auch finden sich ältere Menschen in einer komplexer und schneller werdenden Mobilitätswelt häufig nicht mehr zurecht."

Bemerkenswert sei überdies, dass "die sozial-emotionalen Aspekte des Aufenthalts außerhalb der eigenen Wohnung" für ältere Menschen eine besonders große Bedeutung hätten, zitiert das Institut aus einer Studie. So fühlten sich Senioren bei "bedrohlich wirkendem oder diskriminierendem Sozialverhalten" insbesondere junger Leute unwohl. Hinzu kommt die verbreitete Angst vor Unfällen. Statistiken zeigen, dass ältere Fußgänger tatsächlich besonders häufig in schwere Unfälle verwickelt sind, zumeist ohne eigene Schuld. So kamen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 2016 insgesamt 490 Fußgänger im Straßenverkehr ums Leben, darunter 278 im Alter von 65 Jahren oder mehr, das entspricht einem Anteil von knapp 57 Prozent!

Der Fachverband Fußverkehr Deutschland merkt dazu an: "Das Risiko, im Straßenverkehr schwere Verletzungen zu erleiden oder das Leben zu verlieren, nimmt für Senioren mit zunehmendem Alter zu." Eine Verkehrssicherheitsberatung der Senioren wäre denkbar, lasse sich jedoch wegen der "schlechten Erreichbarkeit der Zielgruppe" nur schwer umsetzen.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO) hat 2011 in einer Umfrage zur "altersfreundlichen Stadt" herausgefunden, dass ältere Menschen auch unter "rücksichtslosen Radfahrern" sowie zugeparkten oder schlecht ausgebauten Gehwegen leiden. Schwach beleuchtete Straßen sorgen ferner auch bei älteren Frauen für Unmut, weil sie sich dadurch in ihren abendlichen Aktivitäten eingeschränkt sehen. Kurze Ampelphasen, komplizierte Fahrkartenautomaten, schwer lesbare Schilder und Fahrpläne sowie eine schlechte Taktung im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) waren weitere Kritikpunkte der Senioren in der Umfrage.

Wohlwollend zur Kenntnis genommen haben die alten Leute der BAGSO-Umfrage zufolge, dass einige Dinge schon besser geworden sind. Genannt wurden rollstuhlgerechte Wege, mehr Zebrastreifen und abgesenkte Bordsteinkanten, behindertengerechte Zugänge bei Behörden und Geschäften, Fahrstühle, altersgerechte Haltestellen und Niedrigflurbusse. Sehr wichtig sind mobilen Senioren auch saubere Grünanlagen mit Sitzgelegenheiten sowie ausreichend viele öffentliche Toiletten.

Bessere Nahmobilität Wie viele andere Städte reagiert auch München auf den Zuwachs an älteren Jahrgängen. In einem Bericht der Stadtverwaltung über eine eigens aufgelegte Bevölkerungsstudie von 2013 heißt es, ältere Menschen seien im Durchschnitt länger gesund, mobiler und freizeitorientierter. Zu den Handlungsempfehlungen gehören auch solche zur Verbesserung der sogenannten Nahmobilität. So sollen Rad- und Fußwege auch für die Bedürfnisse "langsamer oder gemütlicher Verkehrsteilnehmer" ausgelegt sein, ferner sollen Straßenüberquerungen immer ebenerdig geplant werden. Genannt werden auch Radfahrkurse und Spaziergängergruppen sowie Fahrzeug-Sharing und E-Mobilität als Teil multimodaler Mobilitätsformen.

Auch die Anbindung älterer Leute an das Internet gehört zu den Strategien der Fachleute. Die digitale Vernetzung bietet gerade alten Leuten Vorteile, wenn es darum geht, Wege zu verkürzen, Wartezeiten zu vermeiden, Kontakte zu pflegen oder Hilfe zu holen. Eine von der Stiftung Digitale Chancen initiierte Studie im Rahmen des Projektes "Digital mobil im Alter" zeigte, dass auch ältere Leute, die mit Computern kaum Erfahrungen gemacht haben, aufgeschlossen sind für digitale Anwendungen, vorausgesetzt, die Angebote orientieren sich an der Lebenswirklichkeit der Senioren.

Die Studie ergab, dass die Test-Senioren mit Hilfe von Tablet-Rechnern und einem mobilen Internetzugang in relativ kurzer Zeit in der Lage waren, bestimmte Anwendungen eigenständig zu nutzen. Viele der Versuchspersonen (83 Prozent) waren anschließend der Meinung, dass ihnen das Internet "viel Lauferei erspart" habe. Andere (69 Prozent) erklärten, sie könnten mit Hilfe der Technik "im Alter länger selbstständig bleiben" sowie "mit Familie, Freunden und Bekannten in Kontakt bleiben" (66 Prozent).

Die Senioren hätten vor allem E-Mail-Programme genutzt (72 Prozent), Fahrpläne oder Fahrzeiten von öffentlichen Verkehrsmitteln (66 Prozent) und Navigationshilfen (53 Prozent) aufgerufen oder via Internet Informationen über Reiseziele und Unterkünfte (46 Prozent) eingeholt. Fazit der Fachleute: Senioren sollten auf ihrem Weg in die digitale Welt ermuntert und unterstützt werden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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