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GESCHICHTE
Alexander Weinlein
Teuflische Raserei

Über Jahrtausende lief der Mensch auf seinen eigenen Beinen, ritt auf Pferden oder spannte Ochsen vor den Karren. Die Erfindung der Dampflokomotive löste schließlich eine Revolution der Fortbewegung aus, die bis heute anhält

Weder Schnee noch Regen noch Hitze noch Dunkelheit hält sie davon ab, die ihnen übertragene Aufgabe mit der größtmöglichen Geschwindigkeit zu erledigen." Sie - das waren die Kuriere der persischen Großkönige, die im 5. Jahrhundert vor Christus die rund 2.700 Kilometer lange Königsstraße von Sardis in Kleinasien bis Persepolis im Süden Irans innerhalb von sieben Tagen zurücklegten. "Es gibt niemanden in der Welt", schrieb der zeitgenössische, griechische Historiker Herodot voller Bewunderung, "der schneller als diese persischen Kuriere reist."

Mobilität und die dazu gehörige Infrastruktur - beispielsweise Straßen oder Häfen - gehörten seit jeher zu den Grundpfeilern von Weltreichen und Imperien. Sei es nun, dass es um den Transport von Waren, das schnelle Vorrücken von Armeen oder das Überbringen von Nachrichten ging. So umspannte auf dem Höhepunkt seiner Expansion unter Kaiser Trajan (98 bis 117 n.Chr.) ein Netz von rund 80.000 Kilometern an ausgebauten Fernstraßen das Römische Reich. Und das Reich der Inkas zwischen dem heutigen Ecuador und dem Norden Chiles wurde im 16. Jahrhundert durch ein mehr als 30.000 Kilometer umfassendes Straßennetz verbunden, das in den Anden auf Höhen bis zu 4.500 Metern führte.

Auch Napoleon Bonaparte setzte auf die Mobilität und Geschwindigkeit seiner Armeen: "Man muss in erster Linie durch die Beine seiner Soldaten siegen und erst in zweiter Linie durch ihre Bajonette." Der Franzosenkaiser, der sich sicher war, die Österreicher "durch Märsche besiegt" zu haben, gilt als Erfinder des modernen Bewegungskrieges. Dabei war die Marschgeschwindigkeit seiner siegreichen Armeen letztlich nicht größer als die von Roms Legionen 1.800 Jahre zuvor.

Von den antiken Hochkulturen bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhundert war der Mensch auf dem Landweg entweder auf seine eigenen Füße angewiesen, ritt zu Pferde oder spannte diese und andere Zugtiere vor Fuhrwerke und Kutschen. Die Geschwindigkeit seines Fortkommens war weitestgehend vom Gelände oder dem Zustand der Straßen - wenn überhaupt vorhanden - abhängig. So benötigten die Pony-Express-Reiter, die Anfang der 1860er Jahre die Post von Saint Joseph am Missouri durch die nordamerikanischen Prärien und über die Rocky Mountains bis ins kalifornische Sacramento brachten, für die rund 3.100 Kilometer lange Strecke mit zehn Tagen eine vergleichbare Zeit wie die Boten zu Zeiten der persischen Großkönige. Zu beiden Zeiten bediente man sich eines Stafettensystems mit festen Stationen entlang der Strecke, an denen Pferde und Reiter - im antiken Persien sogar Läufer - gewechselt wurde.

Im napoleonischen Zeitalter gehörte das Reisen in der Kutsche noch immer zu bequemsten Formen der Fortbewegung - wobei Bequemlichkeit eher in Anführungszeichen zu verstehen war. Nach den Worten des Malers und Schriftstellers Wilhelm von Kügelgen waren Kutschfahrten wegen der schlechten Straßenverhältnisse und der nur schwachen Federung dermaßen strapaziös, dass "Leib und Seele Gefahr liefen, voneinander getrennt zu werden" und dass "man bisweilen vor Schmerz aufschrie". Sonderlich schnell kam man auch nicht voran. Schaukelten Kutschen Ende des 18. Jahrhunderts mit einer durchschnittlichen Reisegeschwindigkeit von 3,4 Stundenkilometern durch die Landschaft, waren sie um 1830 mit 6,5 Kilometern pro Stunde zwar schon fast doppelt so schnell, von Berlin nach Swinemünde dauerte die Reise trotzdem noch gut 26 Stunden.

Es war schließlich die Erfindung der Dampfmaschine, die nicht nur eine industrielle Revolution, sondern auch eine Revolution der Mobilität auslösen sollte. Die Dampflokomotive brachte die Pferdestärken auf die Schiene und das Leben der Menschen sollte sich massiv beschleunigen. "Alles veloziferisch", hatte Johann Wolfgang von Goethe bereits 1778 in einem Brief formuliert. Die gelungene Wortschöpfung aus dem lateinischen "Velocitas" (die Geschwindigkeit) und Luzifer bezog der Dichter zwar eher auf den von ihm beobachteten Zeitgeist, doch sie mag als Vorwegnahme des Kommenden gelten: Eine wahrhaft teuflische Raserei zu Lande, zu Wasser und in der Luft.

Am 7. Dezember 1835 wurde zwischen Nürnberg und Fürth die erste sechs Kilometer lange Eisenbahnstrecke auf deutschem Boden eingeweiht. Die Fahrt der nach König Ludwig I. benannten Ludwigsbahn, gezogen von der englischen Dampflokomotive "Adler", läutete eine rasante Entwicklung ein: Dampften die Züge um 1840 noch mit einer Geschwindigkeit von 30 Kilometern pro Stunde durch die Lande, beschleunigten sie 1860 bereits auf 50 und 1890 auf damals schwindelerregende 80 Stundenkilometer. Parallel dazu wucherten die eisernen Schienenstränge durch Europa. Umfasste das Schienennetz in den Ländern des Deutschen Bunds 1840 gerade mal 500 Kilometer, verzehnfachte es sich bis 1850 auf 5.700 Kilometer und zum Zeitpunkt der Reichsgründung von 1871 durchzogen 20.500 Eisenbahn-kilometer das Deutsche Kaiserreich.

Die stetig steigende Geschwindigkeit auf den Schienen veränderte die Wahrnehmung der Reisenden nachhaltig. Der Dichter Joseph von Eichendorff schrieb um 1845: "An einem schönen warmen Herbstmorgen kam ich auf der Eisenbahn vom anderen Ende Deutschlands mit einer Vehemenz dahergefahren, als käme es bei Lebensstrafe darauf an, dem Reisen das doch mein alleiniger Zweck war, auf das allerschleunigste ein Ende zu machen, die Dampffahrten rütteln die Welt, die eigentlich nur noch aus Bahnhöfen besteht, unermüdlich durcheinander wie ein Kaleidoskop, wo die vorüberjagenden Landschaften, ehe man noch irgendeine Physiognomie gefasst, immer neue Gesichter schneiden (...)." Auch der französische Schriftsteller Victor Hugo sah beim Blick aus dem Zugfenster "keine Blumen mehr, sondern Farbflecken oder vielmehr rote oder weiße Streifen" Die Getreidefelder würden "zu langen, gelben Strähnen. Die Kleefelder erscheinen wie lange, grüne Zöpfe. Die Städte, die Kirchtürme und die Bäume führen einen Tanz auf und vermischen sich auf eine verrückte Weise mit dem Horizont."

Gesund könne dies alles nicht sein, meinten viele zeitgenössische Mediziner. Das hohe Tempo könnte Kopfschmerzen, Schwindelanfälle oder eine Schädigung des Sehvermögens verursachen. Die Euphorie über den Geschwindigkeitsrausch konnten sie jedoch letztlich nicht bremsen. "Welche Veränderungen müssen jetzt eintreten in unsrer Anschauungsweise und in unseren Vorstellungen! Sogar die Elementarbegriffe von Zeit und Raum sind schwankend geworden", notierte Heinrich Heine im Jahr 1843. "Durch die Eisenbahn wird der Raum getötet, und es bleibt nur noch die Zeit übrig. (...) Mir ist, als kämen die Berge und Wälder aller Länder auf Paris angerückt. Ich rieche schon den Duft der deutschen Linden; vor meiner Tür brandet die Nordsee", träumte Heine weiter.

Was Goethe und Eichendorff denken würden beim Blick durch das Fenster eines ICE 4, der mit bis zu 250 Kilometern pro Stunde durch die Landschaft donnert? Was würden Heine und Hugo fühlen in einem Airbus A320, der in 11.000 Metern Höhe mit einer Reisegeschwindigkeit von mehr als 800 Kilometern pro Stunde seine Bahnen über den Wolken zieht? Kommen sehen hat er es, der weitsichtige Goethe - und sein Urteil fiel verheerend aus: "Reichtum und Schnelligkeit ist, was die Welt bewundert und wonach jeder strebt; Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe und alle mögliche Fazilitäten der Kommunikation sind es, worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu überbieten, zu überbilden und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren."

Rund 150 Jahre nach Goethe attestierte der französische Philosoph Paul Virilio der modernen Welt einen "rasenden Stillstand". Der Begründer der Dromologie (Lehre von der Geschwindigkeit) schrieb: "Die Geschwindigkeit ruft die Leere hervor, die Leere treibt zur Eile." Goethe war seiner Zeit eben voraus - oder besser gesagt einfach schneller.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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