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BERLINALe
Katharina Dockhorn
Auf der Jagd

Die Filmfestspiele haben sich als international relevanter Marktplatz der Filmbranche etabliert

Der erste Gewinner der Berlinale steht bereits fest: Das Publikum kann sich bundesweit auf den Eröffnungsfilm "Django" von Etienne Comar freuen. Der Leipziger Verleih Weltkino sicherte sich vor Beginn der Bärenjagd die Rechte an dem Film über den Musiker Django Reinhardt, der 1943 vor dem Rassenwahn der Nazis aus Paris floh. "Die bewegende Geschichte hat uns begeistert" erzählt Geschäftsführer Michael Kölmel. "Dass er als Berlinale-Eröffnungsfilm ausgewählt wurde, spielte bei unserer Entscheidung eine untergeordnete Rolle."

Die Leipziger brachten die Gewinner der Goldenen Bären 2014 bis 2016, "Feuerwerk am helllichten Tage" aus China, Jafar Panahis "Taxi Teheran" und den Dokumentarfilm "Seefeuer", in die hiesigen Filmtheater. "Dem Berlinale-Gewinner wird zum Kinostart große Aufmerksamkeit in der Presse zuteil. Das Publikum nimmt sie stärker wahr als Gewinner ausländischer Festivals", so Kölmel. "Dass sich der Preis generell auf die Zuschauerzahlen auswirkt, kann man nicht sagen. Diese Filme liefen sehr gut, 'Taxi Teheran' hat uns mit über 240.000 Zuschauern sehr überrascht."

Verleiher, Weltvertriebe, TV-Sender und Festival-Kuratoren verfolgen die Reaktionen auf die Wettbewerbsfilme in den Vorführungen und der Presse genau. Innerhalb weniger Stunden entscheidet sich das Schicksal eines Titels. Anne Zohra Berracheds "24 Wochen" oder Peter Greenaways "Eisenstein in Guanajuato" wurden während des Festivals an deutsche Verleiher verkauft. Doch oft finden selbst Bären-Gewinner keinen Interessenten, etwa wenn die Preisvorstellungen der Rechteinhaber in die Höhe schnellen. Französische Filme sind seit "Ziemlich beste Freunde" heiß begehrt. "Oft liegen die geforderten Preise weit über dem Potential des Filmes. Wir bieten bei Projekten mit, die wir unbedingt wollen, aber bei einem Wettlauf der Bieter halten wir uns raus", betont Dorothee Pfistner, für den Einkauf beim Verleih Neue Visionen zuständig. Die Kino-Hits "Mr. Claude und seine Töchter" und "Birnenkuchen mit Lavendel" kaufte sie auf Grundlage des Drehbuches auf dem Filmmarkt der Berlinale (EFM). "Die Schüler der Madame Anne" oder "Frühstück bei Monsieur Henri" waren bereits fertig.

Bei "Der junge Karl Marx", der auf der Berlinale als Gala-Screening läuft, ist Neue Visionen früh als Partner der deutschen Koproduzenten eingestiegen. "Neben Cannes ist Berlin für uns der wichtigste Markt. Die Weltvertriebe sagen neue Projekte an, präsentieren erste Bilder, es gibt sehr viele Premieren", bilanziert Pfistner. "Im Gegensatz zu Cannes, wo die Festivalfilme einen sehr großen Platz einnehmen, haben beim EFM alle Filme größere Präsenz."

Der Europäische Filmmarkt wurde 1988 von Moritz de Hadeln etabliert, Berlinale-Direktor Dieter Kosslick hat ihn seit 2002 maßgeblich erweitert. Die Besucher schätzten, dass hier qualitativ hochwertiger Inhalt gehandelt werde, so der Festival-Chef. "Ohne dieses Kerngeschäft aus den Augen zu verlieren, haben wir den Markt in den vergangenen Jahren als Plattform für Innovationen positioniert, die die Filmwelt ständig verändern."

Die Gunst der Einkäufer In diesem Jahr werden 543 Aussteller und 9.230 Fachbesucher aus 110 Ländern erwartet. In 1.124 Screenings rangeln 784 Filme um die Gunst der Einkäufer. Bis zu 800 Euro kostet eine Vorstellung. Damit sich die Ausgabe rentiert, engagiert sich manch Regisseur oder Produzent persönlich, um Interessenten in seinen Film zu locken. Zum Beispiel Redakteure der ARD-Tochter Degeto, die auf der Berlinale "Grand Budapest Hotel" oder "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg..." entdeckten. Klassische Wettbewerbsfilme kaufen sie vereinzelt für Das Erste und Arte. "Wir suchen Klasse nicht Masse", betont Geschäftsführerin Christine Strobl. Sie schätzt die Berlinale als Börse, um neue Projekte anzuschieben. "Wir sehen noch viel Potenzial in der Zusammenarbeit mit internationalen Playern. 'Babylon Berlin' ist ein ambitioniertes Projekt, mit Partnern in die serielle Produktion auf internationalem Niveau einzusteigen, dem weitere folgen sollen." Die knapp 40 Millionen teure Krimi-Serie entstand in Kooperation mit dem Bezahlsender Sky, Produzent X Filme und dem Weltvertrieb Beta Film. Im Berlinale-Katalog des Münchner Rechtehändlers gehört er zu den Highlights.

Auch Dokumentarfilmmacher schätzen die kurzen Wege des EFM, um unkompliziert Kontakte zu knüpfen. Ihre Interessenvertretung, die AG Dokumentarfilm, hatte sich den Zugang zum Markt in den 1990ern erklagt. "Wir haben Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, damit uns dieser Baustein bei der Refinanzierung unserer Projekte nicht entgeht", erinnert sich Geschäftsführer Thomas Frickel. Heute präsentiert die AG Dok ihren neuen Katalog mit rund 200 Titeln am Stand von German Films im Martin-Gropius Bau. Seit 2009 organisiert der EFM zudem in Kooperation mit dem European Documentary Network das Koproduktionstreffen "Meet the Docs".

Innovationen Zu den weiteren Innovationen unter Dieter Kosslick gehören "Books at Berlinale", wo zwölf brandneue Titel auf die Interessenten warten. Oder das Branchen-Nachwuchsprojekt "Berlinale Talents Market Hub" in Ergänzung des Talent Campus für Filmemacher. Die "Drama Series Days" bringen Filmemacher und Produzenten hochwertiger Serien in Kontakt mit Plattformen und Sendern. Der EFM Asia schlägt eine Brücke zu diesem stark wachsenden Markt. Der "Berlinale Africa Hub" ist eine in diesem Jahr mit Unterstützung des Auswärtigen Amts etablierte Kommunikations- und Networking-Plattform für die afrikanische Filmindustrie und alle EFM-Besucher. Sie verwandeln Berlin für neun Tage in einen Marktplatz.

Im Marriott Hotel laufen die Gespräche bis spät in die Nacht. Von dort sind es nur wenige Schritte zu den Screenings im Cinestar, Cinemaxx oder dem Arsenal. Das Herz des Filmmarkts bleibt der Martin-Gropius-Bau mit unzähligen Ständen und Sitzecken für Verhandlungen. Hier entscheidet sich, welche der Berlinale-Filme Karriere machen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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