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Parlamentarisches Profil
Peter Stützle
Die Handfeste: Eva Bulling-Schröter

Zuerst wollte sie Testfahrerin werden. Dafür lernte sie Schlosserin und wurde "die erste Betriebsschlosserin bei Audi in Ingolstadt, wenn nicht in ganz Ingolstadt". Sehr viel Spaß habe ihr das gemacht, erzählt die Linken-Abgeordnete Eva Bulling-Schröter heute. "Auch, den Männern zu zeigen, dass Frau das auch kann." Testfahrerin wurde sie nicht, sie blieb Schlosserin und wurde auch Betriebsrätin in einer Maschinenbaufirma.

Eine Exotin ist sie auch heute. Denn anders als in den frühen Zeiten des Bundestages gibt es dort heute fast keine Arbeiter und Handwerker mehr. Bulling-Schröter findet das "sehr schade". Mehr Handwerker, mehr Verkäuferinnen, Krankenschwestern, Altenpflegerinnen würden die Politik "ein bisschen bodenständiger und ein bisschen praktischer" machen, glaubt Bulling-Schröter. Sie selbst kam 1994 erstmals in den Bundestag. Nach dem Wahldebakel der PDS 2002 hieß es aber wieder: Schlossern am alten Arbeitsplatz. "Die ersten zwei Wochen war ich fast klinisch tot", erinnert sie sich, "aber da beißt man sich durch." Seit 2005 sitzt sie über die Landesliste Bayern der Partei wieder im Bundestag. Die Ingolstädterin gehört dem Wirtschaftsausschuss an und ist Sprecherin der Linken für Energie und Klima.

Beim neuen Jahreswirtschaftsbericht stößt sich Bulling-Schröter schon am Titel "Für inklusives Wachstum". Man bräuchte heute ein anderes Wachstum, sagt sie, "nicht immer mehr Güter, immer mehr Produktion. Wir bräuchten Wachstum in der Alten- und Krankenpflege, in der Bildung, Wachstum bei regenerativen Energien." Minister Sigmar Gabriel (SPD) hat "inklusives Wachstum" mit Ludwig Erhards "Wohlstand für alle" übersetzt. Aber Eva Bulling-Schröter sieht in Deutschland auf der einen Seite "eine Million Millionäre, und es werden immer mehr", auf der anderen Seite Menschen, die "die primitivsten Sachen einfach nicht mehr bezahlen können". Sie sieht Menschen, die "45 Jahre gearbeitet haben und jetzt eine kärgliche Rente kriegen". Was sie fordert, ist eine "Politik für mehr Empathie".

Auch bei den Erfolgsmeldungen vom Arbeitsmarkt gießt die Linke Wasser in den Wein. Sie sehe, "dass die geringfügigen Beschäftigungen steigen, dass Frauen nur in Teilzeit arbeiten, dass es immer mehr Leiharbeit und Werkverträge gibt". "Für mich heißt Beschäftigung zukunftsfähige Arbeit, von der man auch leben kann und die nicht zur Altersarmut führt", setzt sie entgegen. Es könne nicht sein, dass "jemand, der sein Leben lang mit dem Mindestlohn arbeitet, im Alter gerade auf die Grundsicherung kommt".

Kürzlich beim Weltwirtschaftsforum in Davos war die Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen erstmals ein beherrschendes Thema. Zeigt sich da ein Umdenken der Eliten? Bulling-Schröter widerspricht energisch. Gerade habe die SPD die Reichensteuer aus ihrem Wahlprogramm genommen. "Man scheut diese Konflikte, es passt nicht wirklich zu diesem Wirtschaftssystem, deshalb tut man nichts. Wenn sich in der Gesellschaft wirklich etwas ändern soll, braucht man eine andere Umverteilung." Zum Beispiel eine Tobin-Steuer auf Börsenumsätze, "das sind zum Teil Promille, und das tut den Reichen wirklich nicht weh".

In der vergangenen Legislaturperiode war Bulling-Schröter Vorsitzende des Umweltausschusses. Jetzt zerpflückt sie das, was unter der Überschrift "konsequente Fortführung der Energiewende" im Jahreswirtschaftsbericht steht. "Die CO2-Reduktionsziele bis 2020 werden krachend verfehlt" sagt sie. Das gebe auch die Bundesregierung zu. Vergangene Woche habe der Wirtschaftsausschuss einen Antrag ihrer Fraktion zum Kohleausstieg diskutiert. Dabei hätten die Redner beider Koalitionsfraktionen "das Wort CO2-Reduzierung und Klimaschutz nicht in den Mund genommen". Das sei "symptomatisch für die Wirtschaftspolitiker dieser Koalition". Man müsse sehr viel mehr tun, sonst sei das Zwei-Grad-Limit nicht einzuhalten.

Den Schraubenschlüssel nimmt Eva Bulling-Schröter übrigens nur noch selten in die Hand. "Ich kann was zusammenbauen, wenn es notwendig ist", sagt die 60-Jährige, "aber ich mache das nicht als Hobby". Lieber geht sie in der Freizeit mit ihrem Hund spazieren oder liest einen Krimi.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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