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EDITORIAL
Jörg Biallas
Gut, dass es boomt

Es boomt in Deutschland. Wirtschaftswachstum, Exportquote und Auftragslage haben im letzten Quartal 2016 deutlich zugelegt. Der private Konsum ist weiterhin auf einem hohen Niveau, das Bruttoinlandsprodukt abermals gestiegen, der Arbeitsmarkt entspannt. Wirtschaft und Politik könnten sich also zufrieden zurücklehnen: Der Laden läuft, alles super!

Nicht ganz. Die trotz der guten Zahlen verhaltene Wachstumsprognose der Bundesregierung für das laufende Jahr kommt nicht von ungefähr. Denn die Stabilität der Binnenwirtschaft geht einher mit außenpolitischen Risiken, die schwer kalkulierbar sind.

Da ist zuvorderst der frisch ernannte US-Präsident. Donald Trump mutet an wie ein neuer Sheriff, der mit rauchenden Colts durch Obama-City reitet und alles aufs Korn nimmt, was ihm wirtschaftspolitisch nicht passt. Das mag dem Arbeiter, in dessen Namen er das angeblich tut, imponieren. Beim Arbeitgeber hingegen löst dieses "Aufräumen" eher die Sorge aus, die Weltkonjunktur könnte nachhaltig darunter leiden. Etwa wenn Trump mit einem Federstrich den Freihandel beschneidet.

Die präsidiale Unbedarftheit zeitigt auch ganz unmittelbare Konsequenzen. Dass etwa die US-Börse sofort nervös reagiert, wenn der Herr im Weißen Haus aus heiterem Himmel über den Kurs des Dollars schwadroniert, ist jedem klar. Außer Trump, oder, was noch schwerer wöge: Es ist ihm egal. Die Welt muss sich daran gewöhnen, dass die üblichen Schablonen für seriöse Politik auf den neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten nicht passen. Und man wird sich damit arrangieren. Genauso wie es in der Vergangenheit auch schon notwendig war, mit Amtsträgern umzugehen, deren Politik nicht zwingend von Intellekt, Weitsicht oder Fingerspitzengefühl geprägt war.

In dieser Situation plant Großbritannien den Ausstieg aus der Europäischen Union. Der soll dem Vernehmen nach "hart" über die Bühne gehen. Was immer das genau heißen mag: Es klingt nach einem schmerzhaften Prozess. Jedenfalls trägt auch der angekündigte "Brexit" dazu bei, dass die Wirtschaft weniger zuversichtlich in die Zukunft blickt, als es angesichts der aktuellen Lage angebracht wäre.

Die Sache ließe sich freilich auch andersherum interpretieren: Weil die deutsche Wirtschaft so stabil dasteht, hat sie die Kraft, mit den globalen Herausforderungen umzugehen. Gut also, dass es in Deutschland gerade boomt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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