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Ortstermin: Konferenz »Hass im Internet«
Eva Bräth
Von Echokammern und Filterblasen

Trolle, Beleidigungen und Hassbotschaften - das Internet ist offenbar voll davon. Soziale Netzwerke und die Kommentarspalten der Online-Medien sind dicht gespickt mit Entgleisungen und Hetze gegen Politiker, Journalisten, Andersdenkende, gegen Frauen und Flüchtlinge.

Welche Ursachen hat diese Entwicklung und wie können Politik, Medien und Zivilgesellschaft gegensteuern? Um diese Fragen ging es auf der Konferenz zum Thema "Online-Hass, Verschwörungstheorien und sinkendes Vertrauen in den Medien", die vergangene Woche im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus des Bundestages stattfand. Veranstalter war der Ausschuss für Gleichstellung und Nichtdiskriminierung bei der Parlamentarischen Versammlung des Europarates. Einig waren sich die anwesenden Politiker und Experten in einem Punkt: Zensur ist das falsche Mittel, um dem Hass Einhalt zu gebieten. Wichtiger sind Transparenz und die Vermittlung von Medienkompetenz.

Wie dringlich das Problem ist, schilderten die Teilnehmer anschaulich. So nannte Johannes Baldauf von der Amadeu-Antonio-Stiftung das Internet als das inzwischen "wichtigste Propagandainstrument der Rechten". In der Folge sinke die Hemmschwelle, Gewalt gegenüber Asylbewerbern und Geflüchteten anzuwenden.

Auch der Blogger und Publizist Sascha Lobo berichtete von steigender Aggressivität im Netz. Insbesondere in den vergangenen zwei, drei Jahren habe die Zahl und Intensität der Hasskommentare dramatisch zugenommen. Beispielhaft nannte er seinen Fernsehauftritt in der Talkshow von Sandra Maischberger zum Thema "Lügenpresse". Im Anschluss hätten ihn online mehr als 2.000 Kommentare erreicht, von denen ein Drittel justiziabel gewesen sei.

Lobo sieht in den "Hatespeeches" eine Ventilfunktion für Menschen, die eine gewisse Hilflosigkeit verspürten. "Die wenigsten meinen es buchstäblich ernst." Die Bielefelder Soziologin Jasmin Siri nannte soziale Netzwerke wie Facebook eine Art "homogenisierte Echokammer", die bewirke, dass Menschen sich nur noch im Kontext ihrer eigenen Wertvorstellungen bewegten. In dieser "Filterblase" sinke die Toleranzschwelle für andere Meinungen. Doch stehe nicht hinter jedem Hasskommentar gleich eine politische Motivation. Es gebe auch zahlreiche "Nachahmer", die austesten wollten, wie weit sie gehen können.

Für die Betroffenen sind die Folgen häufig fatal, stellte Johannes Baldauf klar. So würden nicht selten Adressen, vom Wohnort oder gar der Schule des Kindes im Netz veröffentlicht. Viele reagierten darauf mit einem Rückzug aus dem öffentlichen Raum.

Braucht es also einen Verhaltenskodex für Online-Plattformen? Im vergangenen Jahr hatte sich die EU mit Social Media-Anbietern darauf geeinigt, dass diese Kommentare auf Antrag prüfen und gegebenenfalls löschen müssen. Das löst das Problem nicht, befanden die Teilnehmer. "Zensurversuche können eigentlich nur scheitern", warnte Soziologin Siri. Auch Sascha Lobo setzt auf eine andere Strategie: Er versucht, mit den Aggressoren "offensiv freundlich" in den Dialog zu treten. Diejenigen, die sich darauf einließen, würden in 90 Prozent der Fälle harmloser. Sebastian Hirsch von der Stiftung Warentest empfahl, Falschaussagen in einfacher Sprache, sachlich und offensiv zu widerlegen.Eva Bräth

Aus Politik und Zeitgeschichte

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