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Aufgekehrt
Claus Peter Kosfeld
Real ist, was Du fühlst

Wir können es heimlich zugeben: Ja, wir sind stolz auf unsere deutschen Wahrzeichen. Auch wenn das natürlich verdächtig chauvinistisch klingt und die Sache mit dem "stolz auf unser Land" in manchen politischen Kreisen leicht so aus dem Zusammenhang gerenkt wird, dass es überall höllisch weh tut. Dennoch: Kölner Dom, Brandenburger Tor, Schloss Neuschwanstein, da will doch jeder hin. Gucken wir nicht die TV-Krisennachrichten mit urdeutscher Hornbrille und stellen erleichtert fest, dass es bei uns idyllischer ist als anderswo? Wir sind natürlich nicht die einzigen, die mit Sehenswürdigkeiten prahlen können. Der Eiffelturm in Paris sieht auch nicht schlecht aus. Big Ben aus London würde eigentlich gut nach Prenzlauer Berg passen. Aber das wäre ja Diebstahl.

Die Litauer sehen das entspannter und haben einfach mal Winterlandschaften aus Finnland und der Slowakei zu eigenen erklärt. Die Werbekampagne "real is beautiful" sollte Touristen anziehen, freilich waren die Bilder nicht "real", was zu politischen Verwerfungen führte. Die Chefin der Tourismusbehörde musste gehen, dabei ist gegen geliehene Emotionen nichts zu sagen, haben wir nicht Obama angehimmelt statt Gauck? Litauens Ministerpräsident nahm es sportlich und erklärte kurzerhand das Gebäude der EU-Kommission in Brüssel zum neuen Regierungssitz seines Landes.

Am Ende haben fast alle gewonnen: Die Finnen behalten ihr Schlittenhundeparadies, die Litauer sind jetzt im Gespräch und wir Deutschen können demnächst mal nach Vilnius fahren und uns davon überzeugen, dass die historische Altstadt total "real" sogar zum Weltkulturerbe zählt.Claus Peter Kosfeld

Aus Politik und Zeitgeschichte

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