Inhalt

Alexander Weinlein
Kurz Notiert

Vor vier Jahren sorgte der australische Historiker Christopher Clark mit seinem Buch "Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog" international für Furore. Das Deutsche Kaiserreich, so die These Clarks, trage eben nicht jene besondere Schuld für den Ausbruch des Krieges, wie in der Geschichtsschreibung so lange behauptet. Alle anderen europäischen Großmächte stünden ebenso in der Verantwortung für die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts.

Der deutsche Historiker Wolfram Wette stellt in seinem Buch "Ernstfall Frieden" Clarks These als eine Art Startschuss für eine "revisionistische Welle" dar, die durch Deutschland "rollt" und von Wissenschaftlern wie Herfried Münkler, der ähnliche Ansichten wie Clark vertrete, weiter angetrieben werde. Besonders stört es Wetter, dass Clark mit dem Schuldbegriff wenig anzufangen weiß, und lieber von "Fehlern" und "Verantwortung" spricht. Für Wette ist und bleibt der "spezifische preußisch-deutsche Militarismus" die Ursache für den Ersten Weltkrieg schlechthin.

Unabhängig davon, welcher Sichtweise man sich anschließen mag, verwundert Wettes geradezu wutschäumend vorgetragene Kritik an Clark dann doch. Als würden die Schrecken des Weltkriegs als Argument für eine pazifistisch ausgerichtete Politik an Überzeugungskraft verlieren, wenn er nicht allein auf das Konto Deutschlands ginge.

Wette hat eine Art pazifistisches Lesebuch vorgelegt, angereichert mit unzähligen Abbildungen und Quellen, das einen roten Faden zu spinnen versucht vom Kaiserreich bis zur "schleichenden Militarisierung der Außen- und Sicherheitspolitik" Deutschlands seit 1990. Wette hat durchaus gute Argumente und Beispiele zur Hand, wenn er darlegt, wie auch in modernen Demokratien Kriegseinsätze auf höchst fragwürdige Art und Weise legitimiert werden sollen, etwa durch die Gleichsetzung des irakischen Diktators mit Adolf Hitler. Eine Antwort darauf, was geschehen soll, wenn die von ihm propagierte Politik der Deeskalation und zivilen Konfliktbearbeitung versagt, bleibt aber auch Wette schuldig.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag