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Ortstermin: Internationales Parlamentsstipendium
Eva Bräth
»Ich mag Unterschiede«

Nicht zwischen zwei, sondern gleich zwischen drei Kulturen aufgewachsen ist Rüzgar Aydemir. Im Jahr 1991, als er wenige Monate alt war, zogen seine kurdischen Eltern nach Deutschland. Mit zehn Jahren ging es zurück in die Türkei. Aydemir hat also viel Erfahrung darin gesammelt, wie es ist, sich zwischen verschiedenen Lebenswelten und Sprachlogiken zu bewegen. Diese Kenntnisse möchte er als Teilnehmer des Internationalen-Parlamentsstipendiums (IPS) auch nach Berlin und in den Bundestag bringen. Am 1. März startet sein fünfmonatiger Deutschlandaufenthalt, in dessen Rahmen er ein Praktikum in einem Abgeordnetenbüro absolviert und sozialwissenschaftliche Vorlesungen an der Humboldt-Universität zu Berlin besuchen wird.

Der 26-jährige Aydemir freut sich schon sehr darauf. Vor allem auf den Austausch mit den anderen Teilnehmern des IPS ist er gespannt. 112 junge Akademiker aus 36 Ländern nehmen in diesem Jahr teil. Wie sieht es anderswo mit Menschenrechten, Geschlechtergerechtigkeit und Pressefreiheit aus? Darüber möchte er mehr erfahren. "Mich interessiert besonders, wie in anderen Gesellschaften mit Diversität umgegangen wird und wie dort Konflikte gelöst werden", erzählt er. Es sei eine tolle Gelegenheit, mit so vielen anderen jungen Menschen und Abgeordneten über aktuelle Themen zu diskutieren. Er ist sich sicher: "Ich werde viel lernen."

Aber auch er selbst wird den anderen viel berichten können. In der Türkei gebe es viele wichtige Themen, etwa das Verfassungsreferendum im April. "Ich bin mir sicher, dass die Mehrheit für die Demokratie stimmen wird", meint Aydemir dazu. Auch von der mehrmonatigen Ausgangssperre im kurdischen Cizre, wo seine Familie lebt, kann er berichten. Ankara hatte dort 2015 eine Sperre verhängt, während Sicherheitskräfte gegen die kurdische Rebellen kämpften. Dieses Ereignis habe ihn stark geprägt. "Alle mussten die Stadt verlassen und lebten ohne Strom und Telefonanbindung außerhalb", sagt er. "Es war schrecklich. Viele Häuser wurden zerstört."

Zuhören und erzählen kann Aydemir. Ein Brückenbauer zwischen Deutschland und der Türkei möchte er sein. Wie das gelingen kann? Der Germanist, der an den Hochschulen in Hacettepe und Heidelberg studiert hat, hebt Übersetzungen hervor. "Literarisches Übersetzen trägt dazu bei, dass eine Kultur in anderen Sprachen gelesen und dadurch auch verstanden werden kann." Zur Zeit übersetzt er das türkischsprachige Gedicht eines deutschen Lyrikers ins Kurdische. Seine Migrationsgeschichte hat dazu geführt, dass er alle drei Sprachen beherrscht. Das Wandern zwischen den Kulturen ist zwar nicht immer leicht, hat aber auch viele Vorteile. "Ich finde es schön, dass ich auf ganz verschiedene Weisen denken kann", sagt Aydemir, der im Goethe-Institut Ankara als Sachbearbeiter in der Bibliothek arbeitet.

Inhaltlich hat er sich gut auf den Aufenthalt in Berlin vorbereitet: Nicht nur die aktuellen Nachrichten hat er verfolgt, sondern sich ebenso mit den Gesetzgebungsprozessen in Deutschland und in der Türkei befasst. Unterschiede gibt es natürlich einige. "Ohne sie wäre alles sehr monoton. Ich mag Unterschiede, deswegen habe ich mich beim IPS-Programm beworben", sagt Aydemir.

Wie blickt er auf das Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei? Die beiden Länder hätten seit Jahren gute und intensive Beziehungen, meint Aydemir. Natürlich gebe es in Themen wie der Pressefreiheit gerade Differenzen. Er blickt aber optimistisch in die Zukunft: "Die Beziehungen sind belastbar."Eva Bräth

Aus Politik und Zeitgeschichte

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