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Erdogan
Luise Sammann
Von Feinden umzingelt

Trotz Wirtschaftskrise und Terrorangst bleibt der Staatschef beliebtester Präsident, den die Türkei je hatte

Den Zustand der türkischen Wirtschaft, da ist sich Cihan Köz sicher, kennt niemand so gut wie er. Seit 17 Jahren flitzt der Teemann mit einem Silbertablett durch den Großen Basar von Istanbul, serviert zwischen Seidenschals, Lederwaren und Goldschmuck zuckrigen Cay. Ob es seiner Heimat gut oder schlecht geht, erkennt er dabei an der Zahl der Gläschen, die die Basarhändler bei ihm bestellen. "Früher habe ich jedem Händler am Tag fünf bis zehn Tees gebracht", erinnert er sich. "Aber jetzt verdienen sie so wenig, dass sie sich den ganzen Tag an einem Gläschen festhalten."

Cihan stand schon in seiner ein Quadratmeter großen Kochnische, als die AKP 2002 die Regierung in der Türkei übernahm. Innerhalb weniger Jahre blühte sein Geschäft auf, ein zweiter Teekocher musste her, neue Gläser, eine Aushilfe. Der neu gewählte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan sorgte für Aufbruchsstimmung und Zuversicht. Istanbul und sein 500 Jahre alter Basar wurden zu einem der beliebtesten Tourismusziele Europas.

Heute dampfen gerade einmal zwei Tees auf dem Tablett, mit dem sich Cihan durch das Shoppinglabyrinth schlängelt. In der Gasse der Juweliere lassen die Händler gelangweilt die Backgammonwürfel klickern. Kunden hatten sie heute noch keine. "Um 80 Prozent sind die Touristenzahlen hier eingebrochen", klagt einer. "Die vielen Anschläge, der anhaltende Ausnahmezustand, die ständigen Verhaftungen und Antiterroreinsätze... Wer will in so einem Land schon noch Urlaub machen, geschweige denn investieren?"

Ein Drittel der insgesamt 4.000 Läden im Basar seien inzwischen von der Schließung bedroht, warnt die Vereinigung der Basarhändler. Auch Hunderte Hotels und Restaurants in Istanbuls historischem Zentrum mussten bereits aufgeben. Aus der Hochstimmung von einst ist Frust geworden. Und das nicht nur hier. Überall in der Türkei spukt inzwischen das Gespenst von der nahenden Krise. "Aber wissen Sie, was das Absurdeste ist?", fragt Teemann Cihan zum Abschied: "Trotz allem lieben die Leute Erdogan weiter!"

Tatsächlich: Trotz Wirtschaftsflaute, Terrorangst und Ausnahmezustand ist und bleibt Erdogan der beliebteste Politiker, den die Türkei je hatte. Millionen strömen auf die eigens angelegten Versammlungsplätze am Rande Istanbuls, wenn der "Große Meister" seinen Besuch ankündigt. Schals, T-Shirts und Kopftücher werden mit seinem Profil bedruckt, Kinder und Fußballclubs nach ihm benannt.

Jahrelang schien er diesen Erfolg vor allem dem wirtschaftlichen Aufschwung zu verdanken. Dem Pro-Kopf-Einkommen, das sich unter seiner Regierung von 3.500 auf 10.000 Dollar im Jahr fast verdreifachte, den Flachbildfernsehern, Autos und Eigentumswohnungen, die sich selbst einfache Familien plötzlich leisten konnten. Auch die Annäherung an Europa und der Friedensprozess mit den Kurden überzeugte viele, sorgte doch beides für Sicherheit und Investitionen. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten brachten die türkischen Abendnachrichten keine Meldungen mehr von im Kampf mit der PKK getöteten Soldaten. Heute aber häufen sich die Todesmeldungen wieder - und nach Dutzenden Anschlägen gehören Terror und Angst auch in großen Städten wie Istanbul und Ankara zum Alltag dazu. Die lange Zeit Hoffnung versprechende EU gilt derweil immer öfter als Feind. 70 Prozent der türkischen Bevölkerung glauben nicht mehr an einen Beitritt.

"Die Türken sind verunsichert und verängstigt wie schon lange nicht mehr", fasst der Istanbuler Wahlforscher Hakan Bayrakci die Stimmung im Land zusammen. "Sie brauchen nur mal eine türkische Zeitung aufzuschlagen und sich in die hiesigen Leser hineinzuversetzen: Die PKK, der IS und das Gülen-Netzwerk, die die Türkei scheinbar allesamt vernichten wollen, die wachsende Inflation, die eine Wirtschaftskrise anzukündigen scheint, die EU, dieser so genannte Christenclub, der die Türkei bei jeder Gelegenheit zurechtweist. Die Menschen fühlen sich umzingelt von Feinden."

Das Fazit des Wahlforschers: Nicht trotz, sondern wegen der katastrophalen Lage seines Landes bleibt Erdogans Anhängerschaft groß. "Was sich ein einfacher Familienvater in diesen unsicheren Zeiten wünscht, ist nicht etwa Pressefreiheit, sondern ein starker Führer, der ihn und seine Familie beschützen kann." Oder anders: Nicht abstrakte Demokratieversprechen locken Wähler, sondern das schmerzlich vermisste Gefühl von Größe und Stärke.

Wer einmal einen Auftritt von Erdogan besucht hat, der weiß: Keiner vermittelt das eindrücklicher als der charismatische Self-made-Politiker aus dem Istanbuler Arbeiterviertel Kasimpasa, der sich gegen alle Widerstände an die Spitze des Staates boxte. So polternd, pathetisch und peinlich Erdogans Reden auf westliche Zuschauer wirken mögen, so anziehend und authentisch erscheinen sie seinen Anhängern. Wenn er vor laufenden Kameras den Tod eines syrischen Kindes beweint - nicht ohne dabei auf die Untätigkeit des Westens zu verweisen -, dann weinen und schimpfen Millionen mit ihm. Wenn er mit geballter Faust über seine Kritiker herzieht, dann fragen türkische Frauen eher bewundernd als erschrocken: Kennen wir solche Wutausbrüche nicht auch von unseren Brüdern und Vätern zuhause? "Sein ganzer Stil, seine Art zu laufen oder zu sprechen... All das gibt Millionen Türken, die in den vergangenen Jahrzehnten von Dörflern zu Städtern geworden sind, aber in vielerlei Hinsicht nie richtig angekommen sind, das Gefühl: Das ist einer von uns", glaubt Wahlforscher Bayrakci. Die Strategie der Opposition, diesem Gebaren betont bescheiden auftretende Kandidaten wie den CHP-Vorsitzenden Kemal Kilicdaroglu entgegenzusetzen, hält er für hoffnungslos. "Erdogan ist ein Idol für die vielen Menschen in dieser Gesellschaft, die versuchen, etwas zu erreichen. Sie träumen davon, wie er zu sein. Und obwohl er als Präsident unglaubliche Macht hat, gibt er ihnen immer das Gefühl von Nähe."

Ein Aspekt, der dabei eine wichtige Rolle spielt, ist die Religion. Egal ob der Präsident Brücken eröffnet oder Schulen besucht, ob er den drei Millionen syrischen Flüchtlingen im Land weitere Hilfe verspricht oder der PKK den Kampf ansagt. Der Bezug auf den Islam darf in keiner seiner Reden fehlen. Zwar warnt der Istanbuler Wahlforscher Adil Gür ausdrücklich: "Es ist falsch zu glauben, dass die AKP Wahlen gewinnt, weil sie eine religiöse Partei ist. Sie ist eine Partei der Mitte, die alle Teile der Bevölkerung erreicht." Dennoch kommt das Image vom tiefgläubigen Moslem gut an in einer Gesellschaft, die sich zu 99 Prozent als religiös bezeichnet, in der jedoch alles Religiöse über Jahrzehnte unterdrückt, verschleierte Frauen von Beruf und Bildung ausgeschlossen wurden. Erdogan und die AKP gaben der entrechteten Mehrheitsbevölkerung mit ihrem Wahlsieg 2002 eine Stimme gegen die kemalistische Elite - vor deren Rückkehr sie seitdem kontinuierlich warnen.

Die Steine, die dem politischen Außenseiter in den Weg gelegt wurden - vor allem vom einst so mächtigen, heute entmachteten Militär - ließen ihn selbst als großen Verfechter von Demokratie und Menschenrechten dastehen. Erst als bei seiner dritten Wiederwahl im Jahr 2011 Macht und Möglichkeiten schier unendlich schienen, ging der Demokratieanspruch verloren, glauben Beobachter wie Hakan Bayrakci.

Inzwischen gibt es praktisch keine Kraft mehr in der Türkei, die Erdogans Machtanspruch eindämmen kann. Die Opferrolle des von in- und ausländischen Kräften bedrohten Kämpfers aber prägt seine Politik weiter, zieht sich in Form von Anschuldigungen und Verschwörungstheorien durch jede seiner Reden. "Die aktuelle Türkei leidet an einer Art Massenpsychose, in der jeder Andersdenkende als gefährlich eingestuft wird", glaubt der Istanbuler Gesellschaftspsychologe Murat Paker. Bestes Beispiel dafür: der Wahlkampf für das im April anstehende Verfassungsreferendum (siehe Text unten). Als Unterstützer der Putschisten vom vergangenen Sommer bezeichnete Erdogan jeden, der gegen das von ihm angestrebte Präsidialsystem stimmen will. Im Umkehrschluss: Wer sein Vaterland liebt und die Türkei vor ihren Feinden retten will, muss zu Erdogan halten und in zwei Monaten für das Präsidialsystem stimmen. Je größer Angst und Unsicherheit in der Bevölkerung bis dahin bleiben, desto größer die Erfolgsaussichten des Präsidenten.

Die Autorin ist freie Journalistin in der Türkei.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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