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MINDERHEITEN
Susanne Güsten
Der kurze Frühling ist vorbei

Nach einer Zeit der Toleranz werden Andersgläubige in der Türkei nun ausgegrenzt und sogar attackiert

Als sich nach dem Putschversuch in der Türkei im vergangenen Sommer mehrere Millionen Türken zu einer Kundgebung der nationalen Einheit in Istanbul versammelten, da saßen auch der Patriarch von Konstantinopel, der Oberrabbiner der Türkei und der armenische Patriarch auf der Ehrentribüne. "Ein Volk, eine Fahne, ein Vaterland" lautete das Motto, unter dem Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan seine Anhänger und die nationalistischen Teile der Opposition auf dem Yenikapi-Kundgebungsplatz zusammengetrommelt hatte. Den christlichen und jüdischen Würdenträgern dürfte schon da nichts Gutes geschwant haben, denn nationale Einheit bedeutet in der Türkei stets Ausgrenzung der religiösen und ethnischen Minderheiten. Doch selbst wenn die Geistlichen gehofft haben sollten, dass der Geist der "neuen Türkei" ein anderer sein werde als der alte, wurden sie schon auf der Kundgebung eines Besseren belehrt: Vor der jubelnden Menge wurden ihre Gemeinden als landesverräterische Elemente denunziert.

Zahlen und gehorchen Über die "Enkel Konstantins", den Vatikan und die "armenischen Banden", die das Land unterwandern, zerstückeln und dem Westen ausliefern wollten, schimpfte der Chef der Nationalistenpartei MHP am Rednerpult - und erntete dafür tosenden Beifall. "Diese Leute betrachten alle, die nicht so sind wie sie selbst, als 'zimmi'", schrieb der kritische Berichterstatter Ahmet Saymadi anschließend mit Bezug auf den Begriff für die nicht-muslimischen Minderheiten im Osmanischen Reich - "also als Menschen, die nur von Gnaden der Muslims in einem islamischen Land leben und ihnen Steuern zahlen und gehorchen müssen".

Was sich damals ankündigte, hat sich seither bewahrheitet: Der kurze Frühling für die Minderheiten in der Türkei ist vorbei. Die Nationalistenpartei MHP ist zum Quasi-Koalitionspartner der Regierungspartei AKP avanciert, indem sie ihr zur Mehrheit für ein Referendum zur Umstellung von der parlamentarischen Demokratie auf ein Präsidialsystem verhalf. Die AKP hat ihre früher fortschrittliche Minderheitenpolitik über Bord geworfen, um im nationalen Becken zu fischen. Die Zeit der Hoffnung für die türkischen Minderheiten ist vorüber. "Wenn ich eines sicher weiß, dann, dass es ab jetzt nur schlimmer wird", sagte Mihail Vasiliadis kürzlich der Zeitung "Cumhuriyet". Der 78-jährige Vasiliadis ist Chefredakteur von "Apoyevmatini", der traditionsreichen Zeitung der Konstantinopler Griechen. Ihre Auflage fiel von einst 30.000 auf heute noch 600, weil die meisten Griechen seit der Pogromnacht von 1955 und der Massenausweisung von 1964 fort sind. Ein paar Jahre lang war in der Gemeinde die Hoffnung aufgelebt, als die AKP im ersten Jahrzehnt ihrer Regierungszeit ab 2002 gesetzliche Schritte zur Gleichberechtigung der Minderheiten unternahm. Doch mit der neuen Wendung in der Türkei hat sich der Trend wieder umgekehrt, und von den etwa 1.800 verbliebenen Griechen packen einige die Sachen.

Vasiliadis hat sich nämlich nicht getäuscht. Kaum eine Woche vergeht inzwischen mehr ohne einen Angriff der nationalistischen Presse auf den orthodoxen Patriarchen von Konstantinopel, der sich zwar strikt aus der türkischen Politik heraushält, aber dennoch bei jeder Gelegenheit als Agent fremder Mächte denunziert wird, die es auf die Einheit der Türkei abgesehen haben. "Patriarch befiehlt: Nehmt den Türken beim Referendum ihren Führer weg", betitelte die Zeitung "Milat" erst Mitte Februar wieder einen frei erfundenen Artikel.

Angriffe auf Christen Auch auf den Straßen der Türkei ist diese Stimmung zu spüren. Zur Weihnachtszeit tauchte auf den Häuserwänden von Istanbul ein Plakat auf, das einen Moslem im Fez zeigte, wie er Sankt Nikolaus mit der Faust ins Gesicht schlägt. "Wir sind Moslems", stand dazu auf dem Plakat: "Nein zu Weihnachten!" Ein Flugblatt forderte die Türken auf, sich ihrer "moslemischen Identität" zu besinnen und von "Weihnachtsfeiern, Alkohol und Prostitution" fernzuhalten. In einer Provinzstadt gingen nationalistische Weihnachtsgegner so weit, einem als Nikolaus verkleideten Mann eine Pistole an die Schläfe zu halten. Statt gegen die Kampagne einzuschreiten, beteiligten sich auch einige Behördenvertreter daran und versandten Dienstanweisungen, in denen sie Feierlichkeiten zu Weihnachten oder auch Neujahr verboten.

Besonders verletzlich sind in diesem Klima die protestantischen Christen der Türkei, die anders als Griechen, Armenier und Juden vom türkischen Staat nicht als religiöse Minderheit anerkannt werden und daher noch weniger Rechte genießen. Noch in der Putschnacht am 15. Juli wurde eine protestantische Kirche im ostanatolischen Malatya von nationalistischen Demonstranten angegriffen. Die Vereinigung protestantischer Kirchen in der Türkei beklagte in einem im Januar veröffentlichten Bericht zahlreiche solche Angriffe und anhaltende Diskriminierung gegen Christen.

Besonders zu schaffen macht den Protestanten das staatliche Vorgehen gegen ihre ausländischen Pastoren, auf die sie angewiesen sind, weil sie selbst keine Geistlichen ausbilden dürfen. Seit dem Putschversuch wurde drei amerikanischen Pastoren die Aufenthaltserlaubnis entzogen. Einer von ihnen wurde Anfang Oktober als "Gefahr für die nationale Sicherheit" festgenommen und sitzt seither hinter Gittern - offenbar als Unterpfand für die Verhandlungen mit der US-Regierung über eine Auslieferung des islamischen Predigers und Erdogan-Intimfeindes Fethullah Gülen.

Erst kurz zuvor war nach neun Jahren endlich ein Urteil im Prozess um die Ermordung des deutschen Pastors Tilman Geske und zweier Leidensgenossen im April 2007 im osttürkischen Malatya gefallen. Erwartungsgemäß wurden zwar die fünf Messerstecher zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt, die mutmaßlichen Anstifter im staatlichen Sicherheitsapparat aber laufen gelassen.

Während es den Protestanten reichen würde, wenn sie einfach in Ruhe gelassen würden, bräuchten andere Minderheiten in der Türkei die aktive Unterstützung des Staates, wenn sie eine Zukunft in der Türkei haben sollen - und davon kann derzeit keine Rede mehr sein. Das orthodoxe Patriarchat von Konstantinopel hat seit 45 Jahren keinen theologischen Nachwuchs mehr ausbilden dürfen. Jahrelang hatte Erdogan die Erlaubnis zur Wiedereröffnung des Priesterseminars in Aussicht gestellt, doch als der Patriarch ihn beim jüngsten Empfang zum Nationalfeiertag danach fragte, antwortete der Präsident nicht einmal und entließ ihn mit einem knappen Nicken.

Juden wandern aus In verzweifelter Lage sind auch die syrisch-orthodoxen Christen im Südosten der Türkei, deren Siedlungsgebiet wieder im Krieg zwischen der türkischen Armee und der kurdischen PKK zerrieben wird. Hunderte Christen waren im Jahrzehnt der Hoffnung zwischen 2002 und 2012 aus Deutschland zurückgekehrt, um ihre Häuser wieder aufzubauen und ihre Familien in der alten Heimat anzusiedeln. Mit wenigen Ausnahmen sind sie nun alle wieder nach Deutschland zurück geflohen. Die jahrtausendealte Kulturlandschaft mit ihren frühchristlichen Kirchen und Klöstern steht jetzt vor dem Aus.

Pessimistisch ist auch die jüdische Gemeinde. Nach einem Bericht der "Jerusalem Post" beantragten in jüngster Zeit rund 2.600 türkische Juden die spanische Staatsbürgerschaft, wie es ihnen neuerdings möglich ist; Hunderte weitere bemühten sich um portugiesische Pässe. Nach Israel siedelten 2016 doppelt so viele türkische Juden über wie im Vorjahr. Insgesamt sahen sich damit rund 20 Prozent aller Juden in der Türkei nach einer neuen Heimat um.

Die Autorin arbeitet als freie Korrespondentin in Istanbul.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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