Inhalt

flüchtlinge
Claus Peter Kosfeld
Gefangen im Abseits

Kaum Perspektiven für Syrer in der Türkei

Die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl zeichnet ein düsteres Bild von der Lage der syrischen Flüchtlinge in der Türkei. Zwar habe das Land mit fast drei Millionen Flüchtlingen mehr Menschen aufgenommen, als die Europäische Union (EU) zusammen, sagte Europareferent Karl Kopp dieser Zeitung. Jedoch hätten die meisten Flüchtlinge in der Türkei keine Perspektive und lebten unter prekären Bedingungen in einem Land, das sich nach dem Putschversuch im Juli 2016 auf einem politisch bedenklichen Weg befinde.

Das vor einem Jahr vereinbarte Flüchtlingsabkommen zwischen der EU und der Türkei hat für die Betroffenen offenbar kaum Besserungen gebracht. Das am 18. März 2016 beschlossene Abkommen sieht vor, dass Syrer, die ab dem 20. März 2016 illegal mit Booten auf griechischen Inseln anlanden, in die Türkei zurückgeschickt werden. Zugleich soll für jeden dieser Flüchtlinge ein Syrer aus der Türkei in die EU umgesiedelt werden. Das Ziel ist, die gefährliche illegale Einreise in die EU zu verhindern. Jedoch ist aus Sicht griechischer Behörden die Türkei kein sicherer Drittstaat, was die Rückführung grundsätzlich infrage stellt.

Nach Angaben von Pro Asyl sitzen rund 15.000 Flüchtlinge seit gut einem Jahr auf den griechischen Inseln fest und wissen nicht, ob sie in die Türkei zurück müssen oder auf das EU-Festland dürfen. Kopp sprach von einem "Desaster" auf den Inseln und einem "permanenten Notstand". Im Winter habe es mehrere Todesfälle gegeben. Die Menschen verelendeten. Laut Kopp fällt auch das Umsiedlungsprogramm dürftig aus. Bisher seien nur rund 3.000 syrische Flüchtlinge aus der Türkei durch Resettlement in EU-Staaten angesiedelt worden. Aus EU-Sicht gehe es offensichtlich nur darum, die Flüchtlingszahlen nach Europa zu begrenzen.

Auch die Lage der Flüchtlinge in der Türkei selbst ist anhaltend schwierig. Nach Angaben der Migrationsexpertin Dogus Simsek, die an der privaten Koc Universität in Istanbul forscht, haben viele Flüchtlinge keinen Zugang zu staatlicher Unterstützung. Wenige Betroffene lebten in staatlichen Lagern, die meisten seien über das Land verteilt. Unterbringung, Ernährung, Bildung und medizinische Versorgung seien problematisch. Mehr als 400.000 syrische Kinder in der Türkei sollen nicht zur Schule gehen. Nach Angaben von Pro Asyl haben die Flüchtlinge auch kaum Chancen auf dem türkischen Arbeitsmarkt. In der Folge komme es zu Kinderarbeit und sexueller Ausbeutung von Frauen, sagte Kopp. Vergangene Woche berichtete das ARD-Magazin "Fakt" über syrische Flüchtlinge in der Türkei, die aus Not eine Niere oder einen Leberlappen spenden, um an Geld zu kommen. Die Organspenden würden über das Internet angeboten und mit Hilfe illegaler Händler vermittelt. Käufer sind den Angaben zufolge Patienten aus dem Westen oder auch aus Saudi-Arabien. Der Preis für eine Niere liege auf dem türkischen Schwarzmarkt zwischen 6.000 und 11.000 Euro. Mit dem Geld, so heißt es, wollten syrische Flüchtlinge die Türkei verlassen und sich nach Europa durchschlagen.

Ein UNHCR-Sprecher merkte an, die Türkei habe in der Flüchtlingsaufnahme eine "enorme Vorleistung" erbracht. Knackpunkt sei nun jedoch die weitere Entwicklung in Syrien.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag