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Gastarbeiter
Susanne Kailitz
Zwischen Nähe und Distanz

Die Integration war in Deutschland lange kein Thema. Enkel spüren noch heute den Unterschied

Es war ein bitteres Fazit, das Mehmet Daimagüler vor einigen Jahren in seinem Buch "Kein schönes Land in dieser Zeit" zog. Obwohl der Jurist, der in Harvard und Yale studiert hatte, lange als Musterbeispiel für die Integration türkischer Arbeitsmigranten angesehen wurde und es als Politiker sogar in den FDP-Bundesvorstand geschafft hatte, kam er zu dem Schluss: "Wir bleiben Kanaken, egal, was wir tun." Auch noch 50 Jahre nach der Ankunft der ersten türkischen Gastarbeiter in Deutschland unterscheide man zwischen "wir und ihr".

Und tatsächlich: Obwohl es inzwischen so viele Menschen aus türkischstämmigen Familien gibt, die in Politik, Kultur oder im Sport erfolgreich sind, gilt die türkischstämmige Community in Deutschland vielen noch immer hauptsächlich als Problemfall. Belegt wird das durch zahlreiche Studien: Die Türkischstämmigen sind im Durchschnitt schlechter gebildet, schlechter bezahlt und häufiger arbeitslos als Deutsche, viele von ihnen haben weder einen Schul- noch einen Berufsabschluss. In einem Datenreport des Wissenschaftszentrums Berlin und des Statistischen Bundesamts wurde für die Migranten mit türkischen Wurzeln ein Armutsrisiko von 36 Prozent berechnet. Das heißt: Während der deutsche Durchschnittshaushalt monatlich 1.730 Euro netto zur Verfügung hat, sind es im türkischen nur 1.242 Euro.

Fehlende Vorbilder So erschreckend die Zahlen sind, so leicht lassen sie sich begründen. Als Deutschland 1961 ein Anwerbeabkommen für Arbeiter mit der Türkei abgeschlossen hatte, kamen vor allem ungelernte Arbeiter für einfache Arbeiten. Weil man lange dachte, die Gastarbeiter würden nach kurzer Zeit wieder nach Hause zurückkehren, gab es keinerlei Konzepte für ihre Integration - und weder Sprachkurse noch Bildungsangebote. Die Arbeiter siedelten sich überwiegend in einfachen Wohnlagen nah der Betriebe an, in denen sie am Band oder an Hochöfen schufteten. Und weil sie so viele waren, entstanden dort ethnische Enklaven, in denen man Türkisch sprach und nur wenig Kontakt zu Deutschen hatte. Daimagüler beschreibt in seinem Buch anschaulich, was dieses Leben mit sich brachte: dass vor allem die Kinder keine Vorbilder gehabt hätten für ein anderes Leben.

Dabei hätten sich ihre Eltern das für sie sehr wohl gewünscht, sagt Caner Aver, Politikwissenschaftler bei der Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung in Essen, und vielfach gehofft, dass ihre Söhne und Töchter Abitur machen und studieren würden. "Die Motivation, ihr Land zu verlassen, war ja für die meisten die Hoffnung auf bessere Lebenschancen. Aber für Eltern aus bildungsfernen Milieus, die kein oder nur schlecht Deutsch sprechen, ist es extrem schwierig, sich im komplizierten deutschen Bildungssystem zurechtzufinden." Denn das setze seit jeher auf eine starke Beteiligung der Eltern, die ihren Kindern bei den Hausaufgaben und der Bewältigung des Stoffs helfen sollen. "Für die meisten der Zuwanderer war das schlicht nicht möglich." Damit teilten die türkischen Familien vielfach das Schicksal deutscher Arbeiterfamilien - auch sie leiden darunter, dass das deutsche Bildungssystem sehr undurchlässig und der Erfolg der Kinder, wie viele Experten beklagen, traditionell stark abhängig vom Status und der Herkunft der Eltern ist. Das, so Caner Aver, löse sich selbst bei denen, die es schafften, nie ganz auf, weil ihren Familien die entsprechenden Netzwerke fehlten: "Die Arbeitslosenquote unter Akademikern beträgt in Deutschland 2,4 Prozent - bei deutschtürkischen Hochschulabsolventen liegt sie bei knapp 8 Prozent."

Und dennoch: Es tut sich etwas. So hat der Münsteraner Religionssoziologe Detlef Pollack in einer repräsentativen Erhebung viel Wandel vor allem in der zweiten und dritten Generation der Türkeistämmigen ausgemacht. So habe sich der Anteil derjenigen ohne Schulabschluss mehr als halbiert und der Anteil derjenigen mit guten und sehr guten Deutschkenntnissen verdoppelt. Insgesamt seien die zweite und dritte Generation sozial und strukturell stärker in die Mehrheitsgesellschaft integriert. Während unter den Befragten der ersten Generation nur jeder zweite angebe, sehr viel Kontakt zu Menschen deutscher Herkunft zu haben, seien es unter den Jüngeren drei Viertel. Auch wenn es um die Einstellungen zur Familie und zur Rolle der Frau gehe, sei eine Annäherung der zweiten und dritten Generation an die Mehrheitsgesellschaft zu verzeichnen. Insgesamt ist die große Mehrheit der Türkeistämmigen mit ihrem Leben in Deutschland zufrieden - 90 Prozent der Befragten bejahten die Frage. Aus den Zahlen ergibt sich: Auch wenn sie im Schneckentempo verläuft, so kommt die Integration voran.

Gefühlder Zurückweisung Gleichzeitig gibt es Grund zur Sorge: Das Gefühl vieler Deutschtürken, in Deutschland nicht wirklich willkommen zu sein, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nie aufgelöst. Vor allem die Debatte um die Thesen des früheren Bundesbankers Thilo Sarrazin, der vermeintlich genetische Ursachen für die schlechte Integration vieler Migranten benannte, habe in der Community für Entsetzen gesorgt, erinnert sich Suat Bakir, Hauptstadtrepräsentant der Deutsch-Türkischen Wirtschaftsvereinigung. "Dass diese Thesen in der deutschen Öffentlichkeit so breiten Raum bekommen haben, war ein Schock. Damit wurden Ressentiments hoffähig, die ich niemals für möglich gehalten hätte." Auch Caner Aver erinnert sich an die Diskussionen. Er sagt, in den vergangenen Jahren sei das gegenseitige Misstrauen gewachsen - während die Muslime seit dem 11. September 2001 gegen einen allgemeinen Terrorismusverdacht ankämpfen müssten, hätten die schleppende Aufklärung der NSU-Morde, die Diskussionen um die doppelte Staatsbürgerschaft und die Affäre um den früheren Bundespräsidenten Christian Wulff bei vielen Migranten für das Gefühl gesorgt, hier nicht willkommen zu sein. "Viele glauben, dass er für den Satz, der Islam gehöre zdu Deutschland, abgestraft wurde."

Dieses Gefühl der Zurückweisung dürfte für einen weiteren Befund von Detlef Pollack verantwortlich sein: das erstarkende Bekenntnis zur islamischen Religion vor allem bei Kindern und Enkeln der Gastarbeiter. Fast drei Viertel bezeichnen sich als sehr oder eher religiös - für Pollack ein "demonstratives Bekenntnis" zur eigenen kulturellen Herkunft. Was dies für die weitere Entwicklung der Integration bedeutet, muss sich zeigen.

Die Autorin ist freie Journalistin in Dresden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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