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Migration
Eva Bräth
Von Bayern an den Bosporus

Viele junge Deutsch-Türken zieht es inzwischen wieder in die Heimat ihrer Eltern. Das Leben mit zwei so unterschiedlichen Kulturen ist nicht immer leicht

Abitur, Studium, Arbeiten für die Altersvorsorge. "Wo bleibt da Zeit zum Träumen?", fragte sich Bilgin Köstekci aus Ulm. Vor drei Jahren fasste sie einen Entschluss: Mit 30 Jahren wollte sie einen Neubeginn in Istanbul wagen. Die Türkei, das Heimatland ihrer Eltern, kannte sie von Urlaubsreisen und Verwandtenbesuchen in Ostanatolien. Länger gelebt hat sie dort nie. Aber: "Der Gedanke, eines Tages in die Türkei zu ziehen, tauchte immer wieder auf." Nach dem Studium arbeitete die Betriebswirtin zunächst in einem Unternehmen in Augsburg. Dort sah sie keine Perspektive. "In Aufbruchstimmung" kündigte sie und zog von Bayern an den Bosporus.

Der Fall Köstekci ist durchaus typisch. Während in den 1960er und 1970er Jahren Hunderttausende Türken als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, geht es heute für viele in die andere Richtung. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes verabschiedeten sich in den vergangenen zehn Jahren jährlich zwischen 30.000 und 39.000 Menschen in Richtung Türkei. Demgegenüber standen 26.000 bis 32.000 Umzüge jährlich von der Türkei nach Deutschland. Das Jahr 2006 markierte die Kehrtwende in den türkisch-deutschen Migrationsbeziehungen: Erstmals seit Jahrzehnten war der Wanderungssaldo aus deutscher Sicht negativ. Der Trend hielt fast zehn Jahre. Die jüngsten Daten von 2015 weisen jedoch wieder ein Plus von 2.652 auf. Die aktuelle politische Situation dürfte ebenso dazu beigetragen haben wie der Einbruch des zuvor rasanten Wirtschaftswachstums in der Türkei.

Jung und qualifiziert Vor allem die Kinder und Enkel der Zuwanderer zieht es in die Türkei. Eine Erhebung des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung (ZfTI) von 2012 kommt zu dem Ergebnis, dass eine Abwanderungsabsicht bei der zweiten und dritten Zuwanderergeneration doppelt so häufig ist wie bei der ersten. Das zeigt sich auch an Köstekcis Familie: Ihre Eltern wollen Süddeutschland nicht verlassen. "Sie machen sich große Sorgen und möchten mich überzeugen, dass ich nach Deutschland zurückzukomme", räumt die junge Frau ein. Nach einer Studie des ZfTI von 2016 können sich 40 Prozent der befragten türkischstämmigen Studenten und Hochschulabsolventen vorstellen, in die Türkei zu gehen. Das befeuert auch die Diskussion um den Brain Drain, den Verlust gut ausgebildeter Fachkräfte ins Ausland. Doch gibt es ihn wirklich, den "Exodus" der Jungen und Qualifizierten? Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) widerspricht. Die Behörde geht davon aus, dass 2007 bis 2012 jeweils 3.000 bis 4.000 Angehörige der zweiten oder dritten Generation in die Türkei gezogen sind. Bei rund drei Millionen türkischstämmigen Menschen in Deutschland eine niedrige Zahl. Nicht jeder Ausreisewunsch wird Realität. Mit hoher Wahrscheinlichkeit verbleibe der Großteil türkischstämmiger Folgegenerationen in Deutschland, heißt es in einer BAMF-Studie.

Auch wenn die Mehrheit bleibt - warum spielen so viele Deutsch-Türken mit dem Gedanken, in ein Land auszuwandern, das sie kaum kennen? Hier werden immer wieder "fehlendes Heimatgefühl" in Deutschland, familiäre und partnerschaftliche Gründe und der Wunsch nach beruflichem Aufstieg genannt. Auch deutsche Arbeitgeber scheinen dazu beizutragen, indem sie Bewerber mit ausländischen Namen benachteiligen. Eine OECD-Studie von 2007 kommt zu dem Ergebnis, dass Akademiker mit Migrationshintergrund hierzulande fast drei Mal so häufig arbeitslos sind wie solche ohne ausländische Wurzeln. Wer in Deutschland eine Stelle unterhalb seines Qualifikationsniveaus hat, ist eher bereit zu gehen.

Bei Köstekci war es der Alltagstrott, der sie zum Gehen bewegt hat. "Ich wollte aus dem Roboter-Dasein raus", sagt sie. Der türkische Arbeitsmarkt sei zudem flexibler, weil nicht für alle Tätigkeiten Papiere und Abschlüsse benötigt würden. Es dauerte nicht lange, bis die junge Frau in Istanbul eine neue Stelle fand - eine, die sie inhaltlich sehr interessierte. Sie kam in der Abteilung für Internationale Beziehungen eines Bezirks-Rathauses unter und war für Kooperationsprojekte mit Deutschland zuständig. Zu schaffen machten ihr jedoch schnelle Arbeitsweise und Behördenstruktur. "Es ging sehr hierarchisch zu. Man sollte am besten nichts hinterfragen." Als die Zusammenarbeit mit den Kollegen immer weniger funktionierte, kündigte sie und wechselte in den Vertrieb eines deutschen Unternehmens.

Zwei Kulturen Auch das ist ein typischer Schritt: Viele Abgewanderte arbeiten in einem der 6.200 Unternehmen mit deutscher Kapitalinvestition in der Türkei. Die in Deutschland aufgewachsenen Türken tragen so zur Kommunikation zwischen den Ländern bei, und die deutsche Volkswirtschaft profitiert weiterhin von ihrer Arbeit. Die These des Brain Drain halten Wissenschaftler deswegen für verkürzt.

Häufig sind aber nicht nur Karrieregründe entscheidend für den Ortswechsel. Auch die Suche nach ihrer Identität bewegt viele türkischstämmige Deutsche. Auch Köstekci möchte ihre Wurzeln besser kennenlernen. Als "Deutschländerin", wie sie sich selbst bezeichnet, ist sie zwischen zwei Kulturen aufgewachsen. "Lange Zeit war das ein Problem für mich, erst nach der Pubertät habe ich das als Bereicherung empfunden."

Das Ankommen in der Türkei war trotzdem nicht leicht. "In Istanbul habe ich gemerkt, dass ich deutscher bin, als ich dachte." Erstmals habe sie verstanden, warum sich Menschen für ein Leben in der "Parallelgesellschaft" entscheiden. So gebe es in der türkischen Gesellschaft weniger Privatsphäre, auch die Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern empfinde sie als starr. Andererseits sei da diese Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft der Istanbuler.

Kontakt habe sie vor allem innerhalb der deutsch-türkischen Gemeinschaft. Mit Familie und Freunden in Deutschland telefoniert sie oft. Köstekci ist auch politisch interessiert und hat sich in der Opposition engagiert, ist dort aber öfter angeeckt. Die politische Entwicklung in der Türkei sieht sie mit Sorge. Trotzdem möchte sie vorerst in Istanbul bleiben. In Deutschland sei ihr durch das ewige Planen der Spaß an der Arbeit vergangen. Hier könne sie vielleicht etwas Eigenes aufbauen. Sie besucht jetzt eine Modeschule. "Das Träumen macht hier einfach mehr Spaß."Eva Bräth

Aus Politik und Zeitgeschichte

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