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KINO
Katharina Dockhorn
Begehrte Lola

In dieser Woche wird der Deutsche Filmpreias verliehen. Im Zentrum wird eine große Schauspielerin stehen

Romy Schneider wird 36 Jahre nach ihrem Tod im Mittelpunkt der Verleihung der Deutschen Filmpreise durch Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) am 27. April im Berliner Palais Funkturm stehen. "3 Tage in Quiberon", Emily Atefs berührende Momentaufnahme aus dem Alltag der Schauspielerin, schlüpfte mit zehn Nominierungen in die Favoritenrolle bei der Wahl der besten deutschen Filme 2018.

Außenstehenden bleibt aber erneut unklar, welche Filme in die Auswahl kamen. Die Deutsche Filmakademie hat mit Rücksicht auf die Berlinale und die Auswertung der Filme auf der Leinwand ein verwirrendes Regelwerk geschaffen. Während bei den Oscars alleine die Premiere im Kalenderjahr für das Dabeisein zählt, konnten hier Filme vorgeschlagen werden, die zwischen Dezember 2016 und Mai 2018 im Kino liefen. Die Produzenten von Christian Petzolds kongenialer Adaption von Anna Seghers Fluchtgeschichte "Transit" verzichteten auf eine Bewerbung, er wird im kommenden Jahr ins Rennen gehen. Denn alle Filme, die zwischen dem 1. Dezember eines Jahres und Ende Mai des kommenden Jahres starten, können sich im aktuellen oder kommenden Jahr bewerben.

So kam Andres Veiles dokumentarische Annäherung an "Beuys" vor einem Jahr im Kino und macht sich jetzt Hoffnungen auf die Ehrung als bester Dokumentarfilm. Er konkurriert mit "Das Kongo Tribunal" des Schweizers Milo Rau, der mit zwei fiktiven Verhandlungen die Hintergründe des blutigen Konflikts aufzeigt. Und dem Essay "Taste of Cement" des syrischen Filmemachers Ziad Kalthoum, der das sklavenähnliche Leben seiner Landsleute auf den Baustellen Beiruts hautnah spürbar macht. Der Film kommt im Mai ins Kino.

Jurys Unter den eingereichten Filmen treffen zunächst drei Jurys eine Vorauswahl. Ihnen gehörten die Bundestagsabgeordneten Martin Rabanus (SPD/Dokumentarfilm) und Johannes Selle (CDU/Kinderfilm) sowie der ehemalige Abgeordnete Burkhard Blienert (SPD/Spielfilm) an. Die Mitglieder der Filmakademie bestimmen dann in geheimer Abstimmung zunächst die Nominierten in den Einzelkategorien, in denen der Gewinn der Lola mit je 10.000 Euro dotiert ist, sowie sechs Spiel-, drei Dokumentar- und zwei Kinderfilme. "Amelie rennt" und die zauberhafte Adaption des Kinderbuchklassikers "Die kleine Hexe" machen sich hier Hoffnungen. Die Nominierung ist mit 250.000 Euro (Spielfilm) beziehungsweise 125.000 Euro für die Produktion des nächsten Films verbunden. Beim Gewinn einer Lola verdoppelt sich die Summe für die Dokumentar- und Kinderfilme. Beim Spielfilm werden drei Lolas verliehen: In Bronze (375.000 Euro), Silber (425.000 Euro) und die mit 500.000 Euro veredelte Goldene Lola. Dazu winken den Produzenten geldwerte Referenzpunkte bei der Filmförderungsanstalt. Die Mittel können für ein neues Projekt abgerufen werden.

Deutsche Vergangenheit Ins Sextett der Nominierten für den besten Spielfilm hat es diesmal kein Nachwuchsfilmemacher geschafft. Ebenso hatten Komödien wie der Kassenschlager "Fack ju Göhte 3" oder die provokante Bestandsaufnahme männlicher Begierde in "Fickefuchs" keine Chance bei den Akademiemitgliedern. Sie votierten für vier filmische Ausflüge in die deutsche Vergangenheit und zwei Titel, deren Regisseure ein filmisch lange vernachlässigtes Milieu wieder entdeckten: Die Welt der Arbeiter. Valeska Griesebachs dokumentarisch anmutender "Western" porträtiert deutsche Bauarbeiter in der abgelegenen Bergwelt Bulgariens. In das Labyrinth eines Großmarktes führt die Adaption von Clemens Meyers zarter Love-Story "In den Gängen" durch Thomas Stuber. Sie bestechen durch Authentizität der Sprache, bei der Zeichnung des Milieus und der Dynamik in Gruppen von Menschen, die aufeinander angewiesen sind. Nicht zuletzt vertrauen die Filmemacher ihren ausdrucksstarken Bildern.

Das gelingt auch Robert Schwentke in seinem schwarzweiß gefilmten "Der Hauptmann". Das Drama des Heimkehrers aus Hollywood (R:E:D:, Flightplan) beruht auf einer wahren Begebenheit. Der Gefreite Willi Herold sammelte in einer Hauptmannsuniform eine bunt zusammengewürfelten Truppe um sich, die ein Massaker in einem Gefangenenlager verübte. Schwentke macht daraus eine zeitlose Parabel über Obrigkeitshörigkeit und die schmale Decke menschlicher Zivilisation.

Die Ursachen des Untergangs der DDR beleuchtet Lars Kraume im Drama "Das schweigende Klassenzimmer", obwohl er ins Jahr 1956 führt. Die Behörden reagierten bereits damals unerbittlich auf den zivilen Ungehorsam von Abiturienten, die sich mit den Aufständischen in Budapest solidarisiert hatten.

Identifikationsfigur Von den Ermittlungspannen um den NSU wurde Fatih Akins kraftvoller Polit-Thriller "Aus dem Nichts" inspiriert. Er stellt mit Katja eine deutsche Identifikationsfigur ins Zentrum, die durch einen Anschlag ihren türkischstämmigen Mann und ihren Sohn verliert. Diane Kruger, in den USA und in Frankreich zum Weltstar gereift, wurde für die grandiose Performance in ihrem ersten deutschsprachigen Film bei den Filmfestspielen von Cannes als beste Schauspielerin geehrt. Jetzt ist sie eine der Favoriten für die Lola als beste Hauptdarstellerin. Konkurrenz bekommt sie von Marie Bäumer als Romy Schneider. "3 Tage in Quiberon" zeigt Deutschlands Weltstar als tabletten- und alkoholabhängige, depressive und zutiefst verunsicherte Frau, die gerne geliebt werden will.

Atefs Film ist eine Verneigung vor Schneider, die unter ihrem Sissy-Image litt, das sie bis heute überlebt hat. Kein Weihnachtsfest vergeht ohne Wiedersehen mit der Monarchin. Ihre späteren Filme wie "Gruppenbild mit Dame", für den sie 1977 mit dem Goldenen Band, der damaligen Lola, geehrt wurde, werden selten ausgestrahlt.

Die Autorin arbeitet

als freie Journalistin in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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