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EDITORIAL
Jörg Biallas
Diplomatie ist gefragt

Die Fernsehbilder erschüttern: Weinenden Kindern wird hektisch Wasser über Kopf und Gliedmaßen geschüttet, offensichtlich um wenigstens notdürftig die Spuren giftiger Chemikalien zu beseitigen. Er hat es wieder getan, lautet die Botschaft dieser Bilder, erneut hat der syrische Präsident Baschar al-Assad seine eigene Zivilbevölkerung mit todbringenden Kampfstoffen angegriffen.

Indes bestreitet Syrien strikt, solche Waffen überhaupt zu besitzen. Die westliche Welt ist fest davon überzeugt, dass das eine Lüge ist. Und so sind mehr als 100 amerikanische, französische und britische Raketen vor Wochenfrist auf Syrien abgefeuert worden. Mutmaßliche Produktionsanlagen und Lager für Giftgas sollten damit zerstört werden.

Die Bundesregierung hat diesen Militärschlag ausdrücklich gebilligt; eine deutsche Beteiligung an solchen Maßnahmen komme freilich nicht in Frage, hieß es.

Das Geschehen erinnert sehr an die Situation im April 2017. Seinerzeit hatte US-Präsident Donald Trump nach einem vermuteten Giftgas-Einsatz ebenfalls den Abschuss von Marschflugkörpern auf Syrien befohlen. Der Abschreckungseffekt dieser Militäraktion war ganz offensichtlich überschaubar, wie die Ereignisse ein Jahr später zeigen.

Seit sieben Jahren tobt der Krieg in Syrien. Ein Ende ist nicht absehbar. Ohne Frage ist Assad, unterstützt von Russland, dabei der Aggressor, dem alle Mittel zur Machterhaltung recht sind. Menschenleben spielen in diesem zynischen Kalkül zwischen internationalem Geltungsbedürfnis und Geldgier keine Rolle. Wie in jedem Krieg ist das Schicksal der Zivilbevölkerung längst zum Spielball militärischer Strategien geworden.

Wenn aber Waffengewalt gegen Syrien augenscheinlich nicht fruchtet, was ist dann zu tun? Eine politische Lösung sollte engagierter als bisher vorangetrieben werden.

Trotz aller berechtigten Vorbehalte wird das ohne Assad nicht gehen. Und auch Russlands Präsident Wladimir Putin muss an den Verhandlungstisch gebeten werden.

Den Westen kostet eine diplomatische Initiative nach all den Verbrechen, Grausamkeiten und Lügen der vergangenen Jahre Überwindung. Das ist nachvollziehbar. Die Summe der Enttäuschungen darf aber nicht der Maßstab für einen dringend notwendigen Friedensschluss in Syrien werden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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