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Aufgekehrt
Sören Christian Reimer
Sehnsucht nach Olaf

Zu den Lehrweisheiten der küchen-, kneipen- und wohnzimmerpsychologischen Liebestherapie gehört: "Willst Du gelten, mach' Dich selten!" Quasi wie ein Diamant. Insofern geriert sich Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) aktuell als Diamant der Politik. Denn er macht sich rar - zumindest in Bundestag. Voller Sehnsucht warten dort nämlich die Haushälter der Opposition auf ein haushalts- und finanzpolitisches Techtelmechtel mit ihm. Eifersüchtig blicken sie auf seinen Terminkalender: Mal zeigt sich Scholz in Brüssel beim Ecofin-Rat, mal gar in Berlin bei einem Kongress. Nur im schnöden Ausschusssaal im Paul-Löbe-Haus ward er nicht gesehen. Mehr als 80 Tage, so rechneten Oppositions-Haushälter in wahrscheinlich schlaflosen Nächten aus, ist Scholz schon in Amt und straft sie seitdem mit Ignoranz. Beziehung geht anders. Ein Steinbrück, ein Schäuble - die haben als Finanzminister die Haushälter nicht so lange zappeln lassen, monieren sie fast schon flehentlich. Da klingt auch ein wenig verletzter Stolz an: Haushälter, die quasi auf Zuruf Millionen, gar Milliarden bewegen, vor denen Minister normalerweise zittern sollten, die lässt man nicht so einfach sitzen. So sehr verzehren sich die Oppositionellen nach dem Finanzminister, dass sie verzweifelt Anträge im Ausschuss stellen, um ein Date mit Scholz zu erzwingen.

Doch mit Union und SPD ist da nichts zu machen. Sie wollen Scholz nicht zitieren. Unverständlich ist das natürlich nicht: Bei der Union wird der Trennungsschmerz vom Finanzministerium noch stark sein; und bei der SPD mag es gar enttäuschte Liebe sein - denn der neue Finanzminister wirkt dann doch wie der alte.Sören Christian Reimer

Aus Politik und Zeitgeschichte

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