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BOLOGNA-PROZESS
Alexander Weinlein
Aus aller Herren Länder

Deutschlands Hochschulen sind deutlich internationaler geworden

Es war ein ambitioniertes Ziel, das die Bildungs- und Wissenschaftsminister Deutschlands, Frankreichs, Italiens und Großbritanniens im Sommer 1998 in Paris ausgaben: Europas Hochschulen sollten zukünftig eng zusammenrücken und den wissenschaftlichen Austausch inhaltlich wie personell vorantreiben. Bereits ein Jahr später mündete diese Initiative in der Unterzeichnung der Bologna-Erklärung durch 30 europäische Staaten mit dem Ziel, bis zum Jahr 2010 einen gemeinsamen europäischen Hochschulraum zu schaffen. Inzwischen sind 48 Staaten in den sogenannten Bologna-Prozess involviert, der in Deutschland bis heute kontrovers diskutiert wird.

Mit Master und Bachelor sollten vergleichbare Studienabschlüsse eingeführt werden, ebenso wie ein Leistungspunkte-System (European Credit Transfer System, ECTS). Dadurch sollte es Europas Studierenden erleichtert werden, Auslandsaufenthalte in ihr Studium zu integrieren und Abschlüsse im Ausland zu erwerben, die in den Ländern auch auf dem Arbeitsmarkt anerkannt werden.

Ende Mai trafen sich nun die Bildungs- und Wissenschaftsminister der Bologna-Staaten zu einer Konferenz, um über das Erreichte und die Zukunft zu beraten. Pünktlich zum Auftakt der Konferenz legte die Bundesregierung ihren Bericht "zur Umsetzung der Ziele des Bologna-Prozesses 2015 bis 2018" (19/1445) vor, der neben positiven Entwicklungen aber auch auf handfeste Probleme hinweist.

Ganz ohne Zweifel sind Deutschlands Hochschulen im Zuge des Bologna-Prozesses deutlich internationaler geworden und erfreuen sich bei ausländischen Studenten wachsender Beliebtheit. Im Wintersemester 2016/17 waren insgesamt 358.895 ausländische Studierende an deutschen Hochschulen eingeschrieben. Dies entspricht einer Quote von 12,8 Prozent aller Studenten. Innerhalb der ausländischen Studenten bilden die sogenannten Bildungsausländer, ausländische Studenten mit einer ausländischen Hochschulzugangsberechtigung, mit 265.484 die größte Gruppe. Ihr Anteil stieg von 8,4 Prozent im Wintersemester 2013/14 auf 9,5 Prozent aller Studierender. 197.516 von ihnen waren an Universitäten und 67.968 an Fachhochschulen immatrikuliert. Allerdings stammen bei weitem nicht alle Bildungsausländer aus Europa. Die Europäer bilden zwar mit 40,5 Prozent die größte Gruppe, aber auf Platz zwei liegen mit 40,4 Prozent annähernd gleichauf Studenten aus Asien.

Aber nicht nur die Studentenschaft ist internationaler geworden, sondern auch das forschende und lehrende Personal. So waren 2016 43.647 wissenschaftliche und künstlerische Mitarbeiter an deutschen Hochschulen beschäftigt - rund 5.600 mehr als drei Jahre zuvor. Dieser Steigerung um 15 Prozent steht lediglich ein Anstieg von 4,25 Prozent bei allein wissenschaftlichen und künstlerischen Mitarbeitern entgegen. Rund 60 Prozent der Mitarbeiter kommen aus Europa, gefolgt von Asien mit 25 Prozent. Besonders hoch ist der Anteil der Europäer mit 76 Prozent unter den ausländischen Professoren.

Auslandsaufenthalt Es zieht jedoch nicht nur eine wachsende Zahl von ausländischen Studierenden nach Deutschland, auch deutsche Studenten sammeln vermehrt im Ausland Erfahrungen. Etwa 30 Prozent von ihnen haben in den höheren Semestern bereits einen Auslandsaufenthalt absolviert. Damit hat Deutschland das Ziel der Bologna-Staaten, dass mindestens 20 Prozent aller Hochschulabsolventen einen mindestens dreimonatigen Studien- oder Praktikumsaufenthalt im Ausland absolviert haben sollen, übererfüllt. Eine studienbegleitende Auslandserfahrung, die den Kriterien von Bund und Bundesländern entspricht, können sogar 36 Prozent der deutschen Studenten vorweisen. Angestrebt wird von Bund und Ländern allerdings eine Mobilitätsquote von 50 Prozent. Immerhin ist Deutschland laut Bericht der Bundesregierung bislang der einzige Bologna-Unterzeichnerstaat, der verbindlich geregelt hat, dass die Hochschulen jedem Studierenden die Möglichkeit eines Auslandsaufenthaltes bieten muss.

Probleme bei Anerkennung Bei der Umsetzung des Bologna-Prozesses sieht die Bundesregierung vor allem bei der Anerkennung von Studienleistungen und Studienabschlüssen "nach wie vor Verbesserungsbedarf". So führen unterschiedliche Kriterien bei der Bewertung im ECTS-Punktesystem, mangelnde Transparenz und Qualitätssicherung in etlichen Bologna-Staaten dazu, dass Abschlüsse und Studienleistungen nicht anerkannt werden.

Besonders Sorge bereitet der Bundesregierung aktuell die Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit und der institutionellen Autonomie von Hochschulen. So stelle die politische Entwicklung in einzelnen Staaten den Europäischen Hochschulraum "in Frage", heißt es im Regierungsbericht. Explizit werden die Verhaftung von Wissenschaftlern, die Diskreditierung wissenschaftlicher Diskurse und der Versuch, politisch unliebsame Hochschulen zu schließen. "Vielzitierte gemeinsame europäische Werte erfahren eine inakzeptable Relativierung im Lichte dieser Entwicklungen", schreibt die Bundesregierung. So mahnte Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) auf der Pariser Konferenz auch an, alle Länder müssten "die Freiheit von Wissenschaft und Forschung garantieren und gute Studienbedingungen an den Hochschulen fördern".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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