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KULTUR
Alexander Weinlein
Die Welt und das »deutsche Wesen«

Müntefering will Washingtoner Erklärung auf koloniale Kulturgüter übertragen

Eigentlich war Michelle Müntefering (SPD), Staatsministerin für internationale Kultur- und Bildungspolitik im Auswärtigen Amt, in der vergangenen Woche in den Kulturausschuss gekommen, um die Fraktionen über ihre Vorhaben in der Legislaturperiode zu informieren. Doch einmal mehr war die Ausschusssitzung vor allem von den diametralen Unterschieden im Kulturverständnis zwischen der AfD und den übrigen Fraktionen geprägt.

Ziel ihrer Politik sei es die Freiheit zu stärken - von Kulturschaffenden, Künstlern und Wissenschaftlern, sagte Müntefering. Als Beispiel benannte die Staatsministerin die 2015 ins Lebens gerufene und auch durch das Auswärtige Amt finanzierte Philipp Schwartz-Initiative der Alexander von Humboldt-Stiftung, die es Hochschulen und Forschungseinrichtungen ermöglicht, gefährdete und verfolgte Wissenschaftler im Rahmen eines Stipendiums für 24 Monate aufzunehmen.

Müntefering betonte, dass Kultur nicht an nationalen grenzen halt mache. Angesichts immer komplexer werdender internationaler Konflikte stehe für sie die Zusammenführung von Zivilgesellschaften an erster Stelle. Es gebe aber nicht um den Export deutscher Kultur im Sinne von "am deutschen Wesen soll die Welt genesen", sondern um Kooperation beziehungsweise Koproduktion von Kultur. Dabei dürfe man auch nicht vor "schwierigen Partnern" im Ausland zurückschrecken.

Als weitere Schwerpunkte benannte Müntefering den Ausbau des Jugendaustausches und die Aufarbeitung des kolonialen Erbes. So könnten die Grundsätze der Washingtoner Erklärung über die Rückgabe von NS-Raubkunst in ähnlicher Form auf Kulturgüter übertragen werden, die während der Kolonialzeit aus Afrika nach Deutschland gebracht worden seien. In dieser Frage werde sie eng mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) zusammenarbeiten, die dieses Thema ebenfalls auf die Agenda gesetzt habe.

Prinzipiell begrüßten alle Fraktionen die von Müntefering ausgegebene Ziel, auswärtige Kulturpolitik im Sinne der Völkerverständigung zu betreiben und als Friedenspolitik zu begreifen. Allerdings mahnte die AfD an, deutsche Interessen und die deutsche Kultur müssten als Priorität gesetzt seien. Oder halte es Müntefering mit ihrer Parteikollegin Aydan Özoguz, die jenseits der deutschen Sprache keine spezifisch deutsche Kultur erkennen könne, lautete die provokante Frage aus den Reigen der AfD an die Staatsministerin.

Im Ausschuss stieß der AfD-Standpunkt auf entschiedenen Widerspruch. Die deutsche Kultur erfreue sich weltweit großer Beliebtheit, entwickle sich aber eben auch im internationalen Kontakt, hieß es aus der CDU/CSU-Fraktion. Und die Grünen fügten an: Ohne Internationalität sei die Kultur "nur ein dünnes Pflänzchen".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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