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Aschot Manutscharjan
Kurz REZENSIERT

Großbritanniens Premierminister David Lloyd George ernannte während des Ersten Weltkriegs zwei Medienmogule zu Ministern, um die Presse auf seine Seite zu ziehen. Einer seiner Nachfolger, Clement Attlee, machte einen Journalisten zu seinem Pressesprecher. Er wollte damit nicht seine Kontakte zu den Medien stärken. Vielmehr wählte er den Reporter aus, weil er selbst "allergisch" auf die Presse reagierte. Für Josef Goebels, den berüchtigten NS-Propagandaminister, waren nur gelenkte Medien gute Medien. Und Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) meinte, die Medien, insbesondere das Fernsehen, hätten einen negativen Einfluss auf die Familie und die Gesellschaft insgesamt. Daher plädierte er für die Einführung eines fernsehfreien Wochentages. Auch aus der jüngsten Zeit weiß Ute Daniel Bemerkenswertes zu berichten: So verkündete ausgerechnet der TV-Erfahrene US-Präsident Donald Trump, er befinde sich in einem Krieg mit den Medien.

Daniel Ute lehrt Neuere Geschichte an der TU Braunschweig. Bekannt wurde sie dank ihrer zahlreichen Veröffentlichungen zur Medien- und Kulturgeschichte. In ihrem neuesten Werk beschreibt sie die Wechselhaftigkeit und Unvorhersehbarkeit der Beziehungen zwischen Politik und Medien im 20. Jahrhundert. Einen Schwerpunkt legt sie dabei auf die Entwicklung in Großbritannien und Deutschland. In ihrem empfehlenswerten Buch vergleicht sie die Strukturen, die Methoden und die Praxis des täglichen Miteinanders von Politikern und Medienvertretern. Deren wechselseitige Abhängigkeit bezeichnet Daniel als "Vertraulichkeitskartell". Allerdings gebe es sowohl in Deutschland als auch im Vereinigten Königreich eine "deutlich stärkere Stellung der politischen Akteure". In einer Zeit, in der die Verlage um jeden Abonnenten kämpfen müssen, scheint sich dieses Kräfteverhältnis zu Lasten der freien Presse weiter zu verfestigen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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