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Umwelt
Lisa Brüßler
Keimzeit

Wissenslücken über multiresistente Erreger

Im Mai 2017 meldet die Frankfurter Uni-Klinik Keimbefall: Der gegen Antibiotika resistente Erreger Klebsiella pneumoniae 4-MRGN wird laut Medienberichten bei mehreren Patienten nachgewiesen, die Intensivstation muss teilweise gesperrt werden. Einige der Patienten versterben - laut Klink aber wohl nicht an den Keimen. Wie die Bakterien ins Krankenhaus gelangten, ist zunächst unklar. Der Verdacht fällt auf einen der Verstorbenen, der wenige Wochen zuvor in den Frankfurter Eschbach gefallen war und dort möglicherweise die Bakterien geschluckt hatte. Das Ereignis markiert den Beginn von Untersuchungen von Bächen, Flüssen und Seen in Frankfurt am Main. Auch der Norddeutsche Rundfunk in Niedersachsen lässt beproben und findet in allen untersuchten Gewässern multiresistente Erreger - Keime, gegen die im Fall der Fälle diverse Antibiotika nicht mehr wirken.

Die Vorkommnisse nahmen die Grünen als Anlass für einen Antrag (19/1159) zu dem Thema, über den die Mitglieder des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit vergangene Woche mit Sachverständigen diskutierten. Dabei wurde deutlich: Viel weiß man nicht über die multiresistenten Keime. "Es gibt erhebliche Wissens- und Bewertungslücken. Uns fehlen Ergebnisse, Monitoringinstrumente und Risikoeinschätzungen, um daraus Konsequenzen ziehen zu können", sagte Friederike Vietoris vom Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Natur und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen.

Das Problem: Je häufiger ein Medikament eingesetzt wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass Bakterien Abwehrmechanismen, sogenannte Resistenzen, entwickeln. Wenn solche Resistenzen erst einmal entstanden sind, breiten sie sich aus. Für die Grünen ist der übertriebene Einsatz von Antibiotika in der Human- und Tiermedizin eine der Hauptursachen der Entstehung von Resistenzen. Das sah auch Vietoris so: "Es braucht ein vorsorgendes, fachübergreifendes Handeln und einen sachgerechten Einsatz von Antibiotika bei Mensch und Tier, um die Entstehung an der Quelle zu bekämpfen", mahnte sie.

Gefahr Menschen, die im Sommer nun um das erfrischende Bad im See fürchten, müssen sich grundsätzlich keine Sorgen machen. Das Baden in zugelassenen Badegewässern sei nur mit einer geringen Gefahr verbunden, sofern der Badende ein intaktes Immunsystem und keine größeren Verletzungen an der Haut hat, so Vietoris. Insgesamt wisse man aber zu wenig über die regionalen Pfade der Keime und das Risiko für immungeschwächte Badende.

Das liege auch daran, dass resistente Keime in Gewässern eine biologische, keine chemische Verschmutzung darstellten und momentan gar nicht geprüft würden, führte Gewässerkundler Thomas Berendonk aus. Somit könnten auch keine validen Aussagen über die Dynamik der Vermehrung getroffen werden.

Doch wie kommen die Krankheitserreger überhaupt in die Gewässer? Es gebe Hinweise darauf, dass die Abwässer von Krankenhäusern eine mögliche Quelle darstellen, sagte Martin Exner, Leiter des Instituts für Hygiene an der Universität Bonn. Über die menschlichen Ausscheidungen gelangten die Keime in die Abwässer. Deshalb seien mehr Überwachung und Screenings in den Krankenhäusern nötig, plädierte der Arzt.

Der Antrag der Grünen verweist auch auf Mast-, Vieh- und Schlachtbetriebe als Eintrittspfad der Keime in die Gewässer. "Einer mangelhaften Hygiene bei der Tierhaltung kann nicht durch den massenhaften Einsatz von Antibiotika begegnet werden", sagte Wolfgang Straff vom Umweltbundesamt. Besonders in Regionen mit intensiver Tierhaltung müssten deshalb Prüfungen der Abwässer erfolgen. Ähnlich äußerte sich auch Reinhild Benning von Germanwatch: Der Antibiotikaeinsatz in der Landwirtschaft habe sich zwar zwischen 2011 und 2016 halbiert, aber immer noch seien zu viele Tiere resistent gegen Antibiotika. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ließe sich der Einsatz noch weiter reduzieren, so die Sachverständige. Wie auch die Grünen, forderte sie, Colistin aus der Tierhaltung zu verbannen und nur im Bedarfsfall zu verordnen. Colistin gehört zu den Reserveantibiotika, die bei Mensch und Tier möglichst wenig eingesetzt werden sollten, damit sie ihre Wirkung nicht verlieren.

Kläranlagen Wenig Hoffnung machten die Sachverständigen im Hinblick darauf, dass eine zusätzliche Klärstufe alle Probleme lösen könne. Die mehr als 10.000 Klärwerke in Deutschland seien nicht dafür ausgerüstet, Bakterien komplett herauszufiltern. "Momentan können wir 90 bis 99 Prozent der Keime eliminieren", sagte Issa Nafo vom Wasserwirtschaftsunternehmen Emschergenossenschaft/Lippeverband. An einer vierten Reinigungsstufe werde zwar gearbeitet, "aber es gibt nicht das eine Verfahren". Vor allem seien Verbundprojekte, Reallabore und Pilotanlagen nötig, um verschiedene Lösungsansätze miteinander zu kombinieren, so der Sachverständige. Die dabei eingesetzten Techniken, Ultra- und Nanofiltration, seien allerdings mit drastischen Gebührensteigerungen, einem erhöhten Energiebedarf sowie höheren Co2-Emissionen und mehr Reststoffen verbunden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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