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Philipp
Alexander Heinrich


Philipp Scheidemann

"Scheidemann komm schnell, vom Schlossbalkon aus redet Liebknecht", mit diesen Worten sollen Arbeiter und Soldaten íhn zur Rede gedrängt haben. Es ist der 9. November 1918, Aufruhr im Reich, Reichskanzler Prinz Max von Baden hat die Abdankung des Kaisers erklärt, der Linksrevolutionär Karl Liebknecht will die Sowjetrepublik ausrufen. "Deutschland eine russische Provinz? Eine Sowjetfiliale? Nein! Tausendmal nein!", so hat der Sozialdemokrat seine Erinnerung an den 9. November beschrieben. Mit der Ausrufung der Republik auf dem Balkon des Reichstatgs macht er Geschichte: "Das alte Morsche ist zusammengebrochen! Es lebe die deutsche Republik!"

Scheidemann, geboren 1865 in einer Handwerkerfamilie in Kassel, gelernter Schriftsetzer und Buchdrucker, später Redakteur sozialdemokratischer Zeitungen, ist zwischen 1913 und 1918 SPD-Fraktionschef und wird 1919 Reichsministerpräsident des Übergangskabinetts einer Koalition aus SPD, Zentrum und DDP. Zum Stolperstein wird ihm die Ablehnung des Versailler Vertrags: "Welche Hand müsse nicht verdorren, die sich und uns diese Fessel legt?" Als die Regierung sich dem wohl Unvermeidlichen fügen muss, tritt er zurück. Wie kaum ein anderer wurde er als Verkörperung der jungen Republik zur Hassfigur von Rechts- und Linksradikalen. Mit Glück überlebte er 1922 einen Mordanschlag der rechtsextremen "Organisation Consul". Die Nazis entzogen 1933 dem von ihnen als "Novemberverbrecher" Verunglimpfen die Staatsbürgerschaft, Scheidemann verstarb 1939 im Exil in Kopenhagen. Alexander Heinrich

Aus Politik und Zeitgeschichte

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