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Herr Professor Wirsching, Sie haben den 9. November 1918 einmal als "paradoxe Revolution" bezeichnet. Was haben Sie damit gemeint?

Dieses Schlüsseldatum der deutschen Geschichte ist paradox, weil keine bedeutende historische Kraft oder politische Strömung in Deutschland die Revolution in dieser Form gewollt hat oder mit ihren Ergebnissen zufrieden gewesen ist. Am ehesten gilt das noch für die Sozialdemokratie, die zu dieser Zeit selbst mehrheitlich keine revolutionäre Partei mehr war. Die SPD mit Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann an der Spitze war evolutionistisch eingestellt, auf parlamentarische Entwicklung hin orientiert. Ein revolutionärer Bruch wie 1918 war von ihr nicht beabsichtigt. Die radikale Linke, also große Teile der USPD und der Spartakusbund, betrachteten dagegen die Ergebnisse der Revolution als Verrat an den Interessen der Arbeiterbewegung. Die Träger der Revolution und diejenigen, die es hätten sein können, waren mit ihrem Verlauf nicht einverstanden. Und das gilt natürlich erst recht für die Gegner der Revolution, für die Vielzahl an monarchistisch eingestellten Bürgerlichen und Aristokraten.

Das Deutsche Reich war 1918 nach vier Jahren Krieg und sich abzeichnender Niederlage ein ausgezehrtes Land. Wie erklärt sich dieser plötzliche revolutionäre Schwung?

Die Unzufriedenheit war schon länger greifbar, vor allem nachdem ab 1916 die Versorgungslage schlechter wurde und die Schlangen vor den Lebensmittelgeschäften wuchsen. In den letzten Kriegsmonaten wurde Kaiser Wilhelm II. zunehmend als Friedenshindernis wahrgenommen und so richtete sich der Unmut auch gegen das monarchische Oberhaupt. Eine Rolle spielte außerdem eine grundsätzliche Unzufriedenheit mit der Reformunfähigkeit des Kaiserreiches, sichtbar etwa am Dreiklassenwahlrecht in Preußen, dessen Abschaffung viele gefordert hatten und das erst im Zuge der Oktoberreformen 1918 fiel. Es ist ein Beispiel, das zeigt, wie schwer es diesem Kaiserreich fiel, sich parlamentarisch und demokratisch zu öffnen.

Gelegentlich ist die Rede von einer verspäteten oder gar überflüssigen Revolution. Was ist damit gemeint?

Die Verfassungsänderung, die das Reich zu einer parlamentarischen Monarchie machen sollte, kam viel zu spät. Das hat man im Oktober 1918 gewissermaßen per Dekret von oben versucht durchzusetzen. Der Impuls kam von der Obersten Heeresleitung, von Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff, und zwar erst im Angesicht der drohenden Kriegsniederlage. Man wollte Deutschland insbesondere gegenüber US-Präsident Woodrow Wilson als ein demokratisches Land darstellen, um bessere Bedingungen für Friedensverhandlungen zu erreichen. Das war dieselbe Heeresleitung, die sich innenpolitischen Reformen während des Krieges strikt verweigert hatte. Wenn die Oktoberreformen Zeit gehabt hätten, integrativ zu wirken, wenn sich ein neuer Reichstag hätte konstituieren können, dann hätte gelingen können, was schließlich durch die Revolution 1918 erreicht wurde: der Übergang zu Demokratie und Parlamentarismus.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum eine solch offenkundige Verdrehung der Tatsachen wie die Dolchstoßlegende bei so vielen Zeitgenossen verfangen konnte?

Die große Mehrheit der Deutschen war 1918 überzeugt, einen Verteidigungskrieg zu führen und auch 1914 in einen solchen Verteidigungskrieg gegangen zu sein. Das ist insofern paradox, als der Krieg nicht auf deutschem Boden stattfand. Im März 1918 endete der Krieg im Osten mit dem Frieden von Brest-Litowsk, der hochfliegende Hoffnungen auf einen "Siegfrieden" auch im Westen weckte. Und innerhalb kürzester Zeit wird den Deutschen dann im Herbst 1918 klar, dass dieser Krieg verloren zu gehen droht und man einen Waffenstillstand bedingungslos zu akzeptieren habe. In solchen Situationen neigen Menschen zu einfachen Erklärungen des eigentlich Unerklärlichen und die vermeintlich einfachste Erklärung war die Dolchstoßlegende, nach der Sozialdemokraten und Juden im Inneren die Niederlage herbeigeführt hätten. Diese Behauptung, mit der sich die Oberste Heeresleitung auch von ihrer Mitverantwortung für die Kriegsniederlage reinwaschen wollte, ist eine sehr schwere Hypothek für die Weimarer Republik gewesen. Auch die weitverbreitete Vorstellung, man sei "im Felde unbesiegt" geblieben und hätte den Krieg dank der stärkeren Bataillone gewinnen können, war mit Blick auf den Kriegseintritt der USA eine Illusion.

Friedrich Ebert hasste die Revolution "wie die Sünde", Gustav Noske ließ als "Bluthund" auf Aufständische schießen. Gab es ein Misstrauen führender Sozialdemokraten gegenüber dem Treiben der Arbeiter- und Soldatenräte?

Es gab bei der Mehrheits-SPD die große Sorge, dass es nach dem Vorbild der russischen Oktoberrevolution eine Sowjetisierung Deutschlands geben könnte. Außerdem wollten die Sozialdemokraten nicht die Machtausübung einer Minderheit institutionalisieren, sondern mit freien und gleichen Wahlen zu einer Nationalversammlung den Übergang zu einer parlamentarischen Demokratie gestalten. Seit sich die SPD 1914 über die Frage der Bewilligung von Kriegskrediten zerstritten und später gespalten hatte, gab es eine starke Agitation von links, die diesen evolutionären Weg diskreditierte, weil er letztlich nur die Herrschaft des Kapitals stabilisiere.

Aus Sicht der SPD-Führung stand das Land 1918/19 vor der Wahl zwischen Bolschewismus oder parlamentarischer Demokratie und der Preis für die letztere sei der Pakt mit den alten Eliten. Wie hat die Wissenschaft diese These beurteilt?

Das war bis in die 1960er Jahre die herrschende Meinung in der Geschichtsschreibung. Zu nennen wäre hier etwa Karl Dietrich Erdmann, der das Kapitel zur Weimarer Republik im "Gebhardt" verfasst hatte, dem Handbuch der deutschen Geschichte. Im Grunde handelt es sich um eine Fortschreibung der Selbstwahrnehmung der Sozialdemokratie. Die Forschung ab den 1960er Jahren mit Eberhard Kolb, Peter von Oertzen und Reinhart Rürup hat diese Lesart widerlegt, weil sie nachweisen konnte, dass die Räte überwiegend demokratisch gesinnt waren und in ihnen jedenfalls keine Parteibolschewisten Leninscher Prägung wirkten.

Von Kurt Tucholsky ist der Satz überliefert, eine Revolution, die von Pensionsansprüchen der Beamten des alten Systems spricht, gehöre ausgelacht. Hat die SPD-Führung aus Sorge vor einem Bürgerkrieg zu viel bewahrt und zu wenig verändert, wie das der Historiker Heinrich August Winkler einmal beschrieben hat?

Die These, es hätte gerade mit den Räten ein letztlich nicht ausgeschöpftes Potential zur Demokratisierung und Entmachtung der alten, antidemokratisch eingestellten Eliten gegeben, ist auch von anderen Autoren vertreten worden, insbesondere von Arthur Rosenberg, dem ersten Geschichtsschreiber der Weimarer Republik. Die Frage ist aber berechtigt, ob das sehr legalistische Vorgehen der SPD und des Rates der Volksbeauftragten nach dem Ausscheiden der USPD im Dezember 1918 zu wenig integrativ nach links gewirkt hat.

Zu welcher Antwort gelangen Sie?

Ich habe Zweifel, ob der Handlungsspielraum so groß war. Es ist richtig, der Rat der Volksbeauftragten hat sich festgelegt, dass die Pensionen der Beamten sicher sein sollten. Aber man stelle sich vor, er hätte das nicht getan. Die Gegenrevolution war ja präsent, sie drückte sich später im Kapp-Lüttwitz-Putsch und anderen Putschversuchen aus, auch im gewaltsamen Vorgehen vieler Freikorps. All das hätte sich verschärft, wenn sich die Sozialdemokraten für den Weg einer revolutionären Politik der Rechtsbrüche entschieden hätten.

Warum ist der 9. November 1918 im Gedächtnis der Deutschen so schwach verankert?

1918 und die Weimarer Republik sind durch die Verbrechen des Nationalsozialismus erinnerungspolitisch stark überlagert. Hinzu kommt, dass es eigentlich keine politische Kraft in Deutschland gibt, die sich völlig unzweideutig dieser Revolution angenommen hätte. Am ehesten trifft das tatsächlich auf die SPD zu. Sie hat versucht, die Erinnerung an 1918 hochzuhalten, zum Beispiel mit der Namensgebung für die Friedrich-Ebert-Stiftung oder dem Eintreten für die Gedenkstätte in Eberts Geburtshaus in Heidelberg.

Ist der Blick auf 1918 noch immer von dem heimlichen Wunsch gelenkt, Weimar nicht scheitern zu lassen und der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert wenigstens gedanklich einen glücklicheren Verlauf zu eröffnen?

Die Forschung hat sich spätestens seit den 1990er Jahren weitgehend davon gelöst, Weimar vor allem als Geschichte des Scheiterns zu beschreiben. In den Vordergrund rücken seither Fragen nach den Potentialen und zukunftsweisenden Entwicklungen der Zwischenkriegszeit, die werdende Konsumgesellschaft etwa, die Geschichte der Medien, Berlin als weltweit ausstrahlende Metropole.

Und wie steht es um die öffentliche Diskussion?

Lange Zeit hat Weimar als Negativfolie zur Selbstvergewisserung der alten Bundesrepublik gedient unter dem Postulat: Bonn darf nicht Weimar werden. Das gehörte zum Kernbestand der politischen Bildung, hat sich aber nach 1990 verflüchtigt. Heute, wo es neue Erfahrungen mit Regierungsbildungskrisen in einem zunehmend schwierigeren internationalen Umfeld gibt, kommen gelegentliche Warnungen vor Weimarer Verhältnissen wieder hoch.

Kann man auf die Revolution von 1918 anders blicken als durch das Prisma der Republik, die sie schuf und die 1933 so fundamental scheiterte?

Die Ausrufung der Republik markierte 1918 das Ende des Kaiserreichs und das Ende einer tausendjährigen monarchischen Geschichte in Deutschland. Insofern kann man das Datum des 9. November natürlich nicht von der dann entstehenden Republik trennen. Man sollte aber nicht immer nur durch die Brille von 1933 schauen.

Können Sie dafür ein Beispiel geben?

Der sozialpolitische Ehrgeiz war in der Weimarer Zeit zum Beispiel erheblich. Das ist teils eine Fortsetzung der Bismarckschen Sozialpolitik, nun aber nicht mehr im Sinne von Zuckerbrot und Peitsche gegenüber den Sozialisten, sondern im Sinne von sozialen Grundrechten, die in der Weimarer Reichsverfassung verbrieft sind. Das ist ein großer Fortschritt, der in Form von Arbeitslosenversicherung, staatlicher Fürsorge, in der Sozialpartnerschaft und in Form des Acht-Stunden-Tags Gestalt annahm. Die Weimarer Republik war allerdings auch ein überforderter Sozialstaat, der Ansprüche und Erwartungen weckte, die er am Ende nicht erfüllen konnte. Auch das gehört zur Geschichte des Scheiterns. Schließlich bleibt die Weimarer Republik natürlich bei aller differenzierenden Betrachtung immer auch ein Menetekel für das Aufkommen selbstzerstörerischer Kräfte in einer Demokratie und die Auslieferung an eine verbrecherische Diktatur. Man kann das Jahr 1933 nicht verschwinden lassen.

Welches sind die größten Errungenschaften der Revolution von 1918?

Der Durchbruch der Demokratie, die Grundrechte in der Verfassung, ein Schub in der Sozialstaatlichkeit und wenn man das zusammenfassen möchte: der Durchbruch der kulturellen Moderne.

Das Gespräch führte Alexander Heinrich.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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