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Roland Tichy
Der globale Schlamassel

Nach der großen Verantwortungslosigkeit fand die Welt ein Stück weit zusammen

Dürre, Überschwemmungen, Vulkanausbrüche, Seuchen sind die großen Geißeln der Menschheit. Als ob es nicht reicht, hat sie Kriege erfunden. Manche Krisen schleichen leise und friedlich heran, ohne Kanonendonner, sie sind unheimlich und scheinbar ohne materielle Ursache; sie sind nur Zahlen, körperlose Bits und Bytes und sie richten doch Verheerungen an, vernichten Wohlstand und zerstören das Zusammenleben. So eine unheimliche Krise fand ihren Höhepunkt im September 2008 mit dem Zusammenbruch der Bank Lehman Brothers. Kaum jemand kannte den Namen. Und doch - ein Jahr später - schätzte der Internationale Währungsfonds den durch die Finanzkrise ausgelösten Schaden auf rund 11,9 Billionen Dollar. Grob gerechnet ist das so, als ob das Dreifache der heutigen Wirtschaftsleistung Deutschlands einfach ausgelöscht worden wären. In Deutschland brach die Wirtschaft um fünf Prozent ein. Manche rechnen mit einem Schaden von 500 Milliarden Euro für Deutschland. Solche Zahlen bilanzieren zerstörte Hoffnungen, den Schrecken, die Angst, die Nöte der Arbeitslosen, den einbrechenden Welthandel, Pleiten. Es ist eine der großen Katastrophen der Wirtschaftsgeschichte. Kein Naturschicksal, kein technisches Versagen, sondern von Menschen angerichtet. Wie konnte sie geschehen?

Gier und guter Wille Am Anfang standen die vier modernen Apokalyptischen Reiter "Guter Wille", "schamlose Gier", "das haben wir so nicht gewollt" und "das konnte doch keiner ahnen". Mit gutem Willen versuchte die US-Regierung unter Bill Clinton, die lahmende US-Konjunktur anzuheizen - durch eine Niedrigzinspolitik und Hausbauprogramme insbesondere für sozial Benachteiligte und ethnische Minderheiten. Das Vorhaben traf auf ein Bankensystem, das dies als Chance zur privaten Bereicherung durch Erfüllung eines öffentlichen Auftrags ansah. "25 Prozent Eigenkapitalrendite" - diese spätere, schamlose Zielvorgabe des Chefs der Deutschen Bank wurde schnell zur Norm der praktizierten Bankbetriebslehre. Damit wurden Banken zu gigantischen Gewinnmaschinen; immer noch höhere Kredite wurden vergeben. Es war die Zeit der smarten Investmentbanker und ihrer Finanz-Alchemie, die es verstand, buchstäblich aus etwas Mörtel und Bauholz phantastischen Reichtum zu generieren. Auch Otto Normalverbraucher auf beiden Seiten des Atlantiks, auch deutsche Banken und deutsche Sparer waren fasziniert. Finanzkrisen sind das Werk Einzelner zur ihrem Vorteil; aber sie entfalten ihre Wucht erst durch die Übertragung ihres Gier-Virus auf viele. Die Finanzkrise ist ein Menetekel für Folgen einer globalen Organisation der Verantwortungslosigkeit.

Glücksritter Bank war lange etwas für Langweiler und Übervorsichtige. Das änderte sich im angelsächsischen Raum durch das Investmentbanking: Ziel der Glücksritter ist es, immer neue, waghalsige aber erfolgversprechende Geschäftsmodelle zu erfinden. In den USA wurden durch Übernahmen und Ausschlachten Traditionsunternehmen zu Gewinnmaschinen transformiert. Bald griffen Hedgefonds auch auf Deutschland über. Dort wurden unter der damaligen Bundesregierung Beteiligungsverkäufe steuerfrei gestellt. Das war der Ausverkauf der Deutschland AG und spülte Cash in die Kassen, das Anlage suchte. In den USA wiederum führte der Verweis auf deutsche Deregulierung dort zu einer Lockerung der bis dahin strikten Trennung in Geschäfts- und Investmentbanken. So konnten Investmentbanken, in das Gewand der ehrwürdigen Kreditbanken schlüpfen und mit deren Eigenkapital die waghalsigen Geschäfte finanzieren. Die "Deutsche Bank" wollte durch Übernahme der fixen Jungs mit den Hosenträgern zum World Player aufsteigen - und wurde in einem umgekehrte "Takeover" Beute der Glücksritter, die als Gangs operierten, deren Beute in der Maximierung der eigenen Boni bestand. Mit der Übernahme der Banken durch eine Berufsgruppe, die die schamlose Gier zur Norm erhebt, wurden die Voraussetzungen für einen globalen Schlamassel geschaffen. Und der ehrwürdige Beruf des Bankers geriet in Verruf - worunter die Ehrlichen bis heute leiden.

Trügerische Mathematik Nun ist es ja nicht so, dass Immobilienkredite und ihre Risiken etwas Neues wären. Also mussten neue Begründungen her - und die lieferte die Mathematik. Denn selbstverständlich war den kreditgebenden US-Banken klar, dass ihre Schuldner nur schwerlich mit ihren mageren Einkommen Zins und Tilgung würden bezahlen können. Oder dass Immobilien nicht auf lange Zeit jeden Tag teurer werden und sich derart selbstfinanzieren. Also wurden faule Kredite gebündelt, "verbrieft" in der Fachsprache, und weiterverkauft. Das muss man sich vorstellen wie einen Sack voller Nüsse: Die eine oder andere schlechte Nuss, der eine oder andere ausfallende Kredit, der nicht mehr zurückbezahlt werden kann, ändern nichts am Wert des gesamten Sacks mit vielen Nüssen. Also wurden von den Rating-Agenturen diese Säcke mit den Noten für beste Bonität, also höchster Kreditwürdigkeit, versehen. Solche "Triple-A-Ratings" sind wertvoll. Sie werden von anderen Banken gerne gekauft; die Rating-Agenturen ersparen dem Käufer jegliche Prüfung - die der Werthaltigkeit der Immobilien ebenso wie die der Zahlungsfähigkeit der Schuldner. Allerdings misstrauten viele Banken dieser Technik, mit der aus fragwürdigen Ansprüchen wertvolle Anlagepapiere wurden. Der Ausweg: Sie packten ihrerseits die Säcke mit den Nüssen in Container - dessen Wert ändert sich nicht, selbst wenn sogar der eine oder andere Sack komplett voller tauber Nüsse ist. Was mit Säcken und Containern voller Säcke geht, geht auch mit ganzen Schiffen, sogar Flotten. Bis zu sechs derartige Verbriefungsstufen waren üblich, um aus dem immer gehaltloseren Brei noch ein paar neue AAA-Papiere herauszudestillieren. Das Beste daran: Für jede neue Verpackung kassierte man Honorare und Provisionen.

Geld aus Deutschland Selbst die zynischsten Profis begannen irgendwann ein mulmiges Gefühl für diese sogenannten Subprime-Papiere zu empfinden. In dieser Situation kamen deutsche Banken ins Spiel. Bis 2008 wurden wohl mindestens 300, möglicherweise aber bis zu 500 Milliarden Euro in solche Papiere investiert. Sparkassen, die noch nie jenseits ihrer Stadtgrenzen investiert hatten, tummelten sich bei der Finanzierung von Bauprojekten in entlegenen amerikanischen Bundesstaaten. Das Wort vom "Silly German Money" entstand. Vorne dabei war allerdings die Deutsche Bank - die sowohl bei der Herstellung der giftigen Papiere, der ständigen Umpackerei und beim Vertrieb an deutsche Kunden aktiv war. Es ist kein freundliches Urteil wenn man feststellt: Die US-Banken wussten was sie taten - die meisten deutschen Banken waren schlicht zu dumm. Sie lernten erst in der Krise, was sie angerichtet hatten.

Die Pyramide kippt Im Winter und Frühjahr 2008 begannen die Kontrollmechanismen der US-Behörden und -Politik zu greifen. "Das haben wir so nicht gewollt" wurde die neue Formel der Selbstrechtfertigung. Die Konstruktion der wundervollen Nuss-Papiere wurde hinterfragt. Die Zinsen stiegen - Immobilienkredite platzten, Rückzahlungen wurden eingestellt. Die Immobilienpreise änderten ihre Richtung - sie sanken! Damit wurden die wunderbaren Rechenmodelle der modernen Finanzalchemie wertlos. Denn sie waren davon ausgegangen, dass nur einzelne Kredite ihren Wert verlören - plötzlich waren alle Nüsse im Sack, in den Containern, auf den Frachtschiffen wertlos, taub: Das Schneeballsystem krachte zusammen - und mit ihm starben die Banken. Die Landesbank Sachsen musste gerettet werden, die bis dahin seriöse Mittelstandsbank IKB in Düsseldorf, die einst stolze WestLB. "Das haben wir nicht kommen sehen" umschreibt die lächerlichen Versuche, die Abfolge der Ereignisse zu beschönigen - als ob sinkende Preise für Immobilien eine neue Erfindung gewesen seien.

Vertrauen friert ein Banken stellten untereinander den Zahlungsverkehr ein. Vor den Bankschaltern bildeten sich Schlangen. Die Bundesregierung sprach eine pauschale Garantie für alle Sparguthaben aus - ein psychologisch wichtiger Schritt. Plötzlich waren die bis dahin verachteten Politiker gefragt - als Retter der Banken. Die Wut der Politik stieg. Irgendwann weigerte sich die US-Regierung, Lehman-Brothers beizuspringen. Der Höhepunkt der Finanzkrise war erreicht. Der Rest der Story ist düster: Rettungspakete, Staatsgarantien, Konjunkturprogramme, Gesetze, Gipfeltreffen. Die Welt hat darüber sogar ein Stück zusammengefunden, denn nur mit globaler Kooperation war die Krise zu bewältigen. Das gibt sogar Anrecht auf Optimismus. Aber ist sie gerettet worden?

Ein Jahr Krise Deutschland lief ein Jahr im Krisenmodus. Unternehmer, Gewerkschaften, Politik und Bürokratien kooperierten. Schneller als erwartet ging es wieder aufwärts, die Stories über Pleiten und Rettungsaktionen wurden weniger. Im Dezember 2009 berichtete ein Kollege über neue, alarmierende Zahlen aus Griechenland. Ich wollte die Story nicht, nicht noch eine Finanzkrise! Wir haben sie gedruckt. Im Februar erreichte mich der Anruf eines der höchsten Regierungsbeamten: Ob ich abschätzen könne, wie hoch der Finanzbedarf Griechenlands werden könnte. Ich sagte: "Fünf Milliarden Euro? Oder zehn?" Die Antwort war ernüchternd: "Noch mal zehn halten wir politisch nicht mehr aus." Wir haben es ausgehalten, obwohl es vermutlich an die 100 geworden sind. Aber ist das jetzt eine gute Nachricht, liebe Banken?

Aus Politik und Zeitgeschichte

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