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Landwirtschaft
Lukas Stern
Herdenschutz soll oberste Priorität haben

Fachgespräch zum Umgang mit dem Wolf. Berufsschäfer fordern »Rettungsring« für Betroffene

Es muss ein "Miteinander von Wolf und Weidetier" möglich sein. Das forderte Alois Gerig (CDU), Vorsitzender des Ausschusses für Ernährung und Landwirtschaft, vergangene Woche zum Auftakt eines Fachgesprächs zu dem Thema. Fünf Sachverständige waren eingeladen, dem Gremium ihre Erfahrungen und Lösungsvorschläge zu präsentieren, um im "Spannungsfeld der Wolfsbefürworter und -gegner" zu zukunftsfähigen Ergebnissen zu kommen.

Das Thema ist brisant: Die Rückkehr des besonders geschützten Wolfes beeinträchtigt in vielen Regionen Deutschlands zunehmend die Weidetierhaltung. In Sachsen etwa rissen Wölfe laut Medienberichten wenige Tage nach dem Fachgespräch Dutzende Schafe.

Ausbreitung Der Wolf werde sich in Deutschland weiter ausbreiten, prognostizierte Ilka Reinhardt vom LUPUS Institut für Wolfsmonitoring und -forschung in Deutschland. Die Bedingungen, die das Tier im Land vorfindet, seien gut. So werde es etwa zukünftig auch immer mehr Nahrung finden. Ein zukunftssicheres Wolfsmanagement und eine flächendeckende Herdenschutzgestaltung seien deshalb sehr wichtig. Oberste Priorität müsse der Herdenschutz von besonders wehrlosen Tieren wie Schafe und Ziegen haben, sagte Reinhardt. Aus Sicht der Forscherin ist es zudem unabdinglich, Betroffene stärker zu unterstützen und von landwirtschaftsbehördlicher Seite besser zu beraten. Außerdem müsse der Fokus klar auf Schutzmaßnahmen und deutlich weniger auf Jagdfragen gelegt werden.

In Brandenburg sei der Wolf ohnehin nie weg gewesen, sagte Gregor Beyer, Geschäftsführer des Forums Brandenburg. Den aktuellen Bestand schätzte er auf 300 Tiere. Zur DDR-Zeit sei er zwar bejagt worden, er habe sich aber schnell wieder reproduziert. Beyer betonte, dass die im Koalitionsvertrag vereinbarte Bestandsreduktion der Wölfe in den Verbänden des "Forum Natur" Freude hervorriefe. Nun sei es an der Zeit, zu einem funktionierenden Wolfsmanagement zu kommen und jagdrechtlich für Klarheit zu sorgen.

Am höchsten sei der Wolfsdruck in Sachsen und Brandenburg, betonte Knut Kucznik, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Herdenschutzhunde. Neben dem Zaunbau, der Grundvoraussetzung für den Herdenschutz, müssten zudem Herdenschutzhunde eingesetzt werden. Der Umgang und die Haltung dieser speziell trainierten Hunde sei allerdings anspruchsvoll und mit entsprechender Schulung verbunden. Außerdem müsse der Herdenschutzhund rechtlich verankert werden. Darüber hinaus sollten Herdenschutzmaßnahmen zu 100 Prozent aus öffentlicher Hand finanziert und Wölfe, die die Schutzbarrieren überwinden, augenblicklich "entnommen" werden, forderte Kucznik.

Michael Böer, Facharzt für Wildtiere und Zoodirektor des Zoos Osnabrück, sprach sich für eine stärker regional konzentrierte Forschung aus. Das Wolfsmanagement sei vor allem dann zu optimieren, wenn konkrete Beobachtungen vor Ort vorgenommen und bearbeitet werden würden. Maßnahmen zum Schutz von Weidetieren müssten deshalb auch jeweils gesondert und mit Blick auf lokale Faktoren angesetzt werden, so Böer.

Hilfe für Bauern "Wir haben bisher noch nie über die Rettung der Weidetierhaltung aus der finanziellen Krise gesprochen", mahnte Andreas Schenk vom Bundesverband Berufsschäfer. Er forderte einen "Rettungsring" für Betroffene. Die Politik müsse zeitnah Lösungen finden und einen artenschutzrechtlichen Rahmen für die Länder schaffen. Die doppelte Normalität von Wolfsschutz und Wolfsentnahme führen zu Komplikationen, die dringend abgebaut werden müssten. Wünschenswert sei die Einrichtung eines Kompetenzzentrums auf Bundesebene. Auf dem Spiel stünden schließlich nicht nur die Herdenwirtschaft und -kultur, sondern auch deren Weiterentwicklung und Zukunftsfähigkeit, sagte Schenk.Lukas Stern

Aus Politik und Zeitgeschichte

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