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Claus Peter Kosfeld
Auf Leben und Tod

Viele Patienten warten auf eine rettende Transplantation. Gesetzliche Änderungen sollen Hilfe bringen

Für den kroatischen Profifußballer Ivan Klasnic (38) kam die schlechte Nachricht vom Arzt 2006 überraschender und vernichtender als jeder gegnerische Konter. Niereninsuffizienz! Das Spiel schien verloren. Zu der Zeit stand der Stürmer noch voll im Saft, hatte Werder Bremen mit seinen Toren zu Meisterschaft und Pokalsieg geführt. Auf einmal spürte der junge Mann, der sich vor der Schockdiagnose nie mit dem Thema Organspende befasst hatte, Todesangst. Aus einem unbeschwerten Leben wurde ohne Vorwarnung eine chronische Erkrankung. Dass der frühere kroatische Nationalspieler heute noch lebt und bisweilen mit Altkollegen sogar ein bisschen Fußball spielen kann, verdankt er seinen Eltern und einer jungen Frau aus seiner Heimat Kroatien, die ihm jeweils eine Niere spendeten, die junge Frau postmortal.

Drei Spendernieren Die Geschichte seiner wundersamen Rettung ist kurz erzählt: Zuerst spendete seine Mutter ihrem Sohn eine Niere, die sein Köper aber abstieß, wenige Wochen später war dann sein Vater an der Reihe. Diesmal war die Transplantation erfolgreich, die Niere des Vaters hielt zehn Jahre, dann wurden die Werte wieder so schlecht, dass nur eine Dialyse ihn retten konnte. 18 Monate lang musste Klasnic die technisch anspruchsvolle und körperlich belastende Blutwäsche über sich ergehen lassen. Als trainierter Sportler habe er die Behandlung mit strengen Regeln gut vertragen, berichtete er unlängst in der TV-Sendung "Anne Will".

Die Aussicht, als Dialyse-Dauerpatient in Deutschland ein rettendes Spenderorgan zu bekommen, erschien ihm unrealistisch. So meldete er sich in Kroatien für ein Spenderorgan an. Der frühe Tod einer jungen Frau brachte ihn schließlich zurück ins "normale" Leben. Mit ihrer Niere lebt er heute und hofft, dass das Fremdorgan lange durchhält, sicher ist das freilich nicht. Die Frau hat mit ihrer Spendenbereitschaft nach seinen Angaben fünf Menschen das Leben gerettet.

Verunsicherung In Deutschland hält sich seit Jahren ein seltsamer Widerspruch zwischen der positiven Einstellung vieler Menschen zur Organspende und der faktisch sehr geringen Anzahl postmortaler Spender. In einer repräsentativen Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) von 2014 gaben 71 Prozent der Befragten an, sie wären zur Organspende bereit. Einen Organspendenausweis ausgefüllt hatten aber nur 35 Prozent. Wie die Umfrage weiter ergab, haben die 2012 öffentlich gewordenen Unregelmäßigkeiten bei der Organvergabe viele Menschen verunsichert. Die Hälfte der Befragten gab an, das Vertrauen in das Organspendensystem in Deutschland verloren zu haben. Damals wurde bekannt, dass in Transplantationszentren gegen die Richtlinien verstoßen worden war, offenbar, um bestimmte Patienten bevorzugt mit Spenderorganen zu versorgen.

Nach 2012 rutschten die ohnehin schon schwachen Spenderzahlen weiter ab, obgleich als Folge der Unregelmäßigkeiten im Transplantationsgesetz (TPG) die Kontrollmechanismen verbessert und später auch die Strafvorschriften für Manipulationen verschärft wurden. Es wurde auch eine Vertrauensstelle eingerichtet, um Hinweisen auf Unregelmäßigkeiten nachzugehen. Zudem verschicken die Krankenkassen seither regelmäßig Informationen zur Organspende und Organspendenausweise an die Versicherten. Der Erfolg ist bescheiden.

Im Jahresbericht 2017 der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) wird die Zahl der Organspender mit 797 angegeben, 2012 waren es 1.046. Einschließlich der Lebendspenden wurden 2017 insgesamt 3.385 Organe transplantiert (2012: 4.555), darunter die meisten (2.765) postmortal (siehe Grafik). Mit Abstand am häufigsten verpflanzt wurden 2017 Nieren, gefolgt von Leber, Lunge, Herz und Bauchspeicheldrüse. Da der Mensch über zwei Nieren verfügt, kann eine als Lebendspende an nahe stehende Personen abgegeben werden, auch ein Teil der Leber lässt sich so spenden. Dennoch stehen allein in Deutschland rund 10.000 Patienten auf der Warteliste für ein Spenderorgan. Mehr als 1.000 Patienten aller Altersgruppen sterben jedes Jahr, weil kein passendes Spenderorgan gefunden wird.

Effektivere Abläufe Seit vielen Jahren gibt es schon Versuche, die Spenderzahlen zu verbessern, ohne durchgreifenden Erfolg. Die Bundesregierung geht das Problem nun mehrgleisig an. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will einerseits mit effektiveren Abläufen in Krankenhäusern dazu beitragen, dass potenzielle Organspender besser erkannt werden. Dazu soll die Rolle des Transplantationsbeauftragten gestärkt werden. Ein Gesetzentwurf liegt bereits vor.

Andererseits werben Spahn und andere Gesundheitspolitiker dafür, die gesetzliche Grundlage für Organspenden zu ändern und statt der jetzigen Entscheidungslösung eine sogenannte Widerspruchslösung einzuführen. Das würde bedeuten, dass all jene Bürger als Spender infrage kämen, die zu Lebzeiten einer Organspende nicht ausdrücklich widersprochen haben (siehe Infokasten). Mit dem möglichen Paradigmenwechsel befassten sich vergangene Woche die Abgeordneten in einer Orientierungsdebatte. Zweieinhalb Stunden lang tauschten 38 Parlamentarier ihre persönlichen Erfahrungen und Argumente aus. Eine Entscheidung soll nächstes Jahr fallen.

Freiheitsrechte In der sachlichen Aussprache deuteten sich mehrere Lösungswege an, wobei die Widerspruchsvariante teilweise scharf attackiert wurde. Karin Maag (CDU) sagte, die Bürger sollten verstärkt zur Spendenbereitschaft ermuntert werden. Dazu seien regelmäßige Informationen wichtig. Die Organspendenmedizin müsse auch Thema in der ärztlichen Ausbildung sein. Maag betonte, die Organspende sei eine bewusste und freiwillige Entscheidung, die weder erzwungen noch von der Gesellschaft erwartet werden könne. Die Widerspruchslösung führe in die falsche Richtung und sei mit dem Selbstbestimmungsrecht und dem Recht auf körperliche Unversehrtheit unvereinbar. Daher sollte es bei der Zustimmung bleiben.

Axel Gehrke (AfD), selbst Kardiologe, erinnerte daran, wie großartig die Möglichkeiten in der modernen Transplantationsmedizin sind. Die Erfolge seien die helle Seite, eine dunkle Seite gebe es auch. Die Organentnahme sei eine Grauzone, sie passiere im Sterben. Es sei bewundernswert, wenn Menschen sich bereit erklärten, ihre Organe zu spenden. Es sei aber fraglich, ob dies im Falle einer Widerspruchslösung so bliebe. Die Widerspruchslösung sei "voller Baustellen" und werde sich "nie von dem Verdacht der Begehrlichkeiten Dritter befreien können".

Sicherheitsnetz Für die erweiterte Widerspruchslösung plädierte Karl Lauterbach (SPD), der darauf hinwies, dass auch viele Kinder auf ein rettendes Organ warteten. Er habe selbst Erfahrungen gemacht mit Dialyse-Patienten, die wüssten, dass sie auf der Warteliste sterben könnten und durch die Dialyse zusätzlich gesundheitliche Risiken eingingen. Es gehe also auch darum, vermeidbares Leid zu lindern. Es werde niemand zur Organspende gezwungen, vielmehr gehe es darum, dass jeder Mensch sich damit einmal befasse. Das sei ein Element der Selbstbestimmung. Zudem sehe das Konzept vor, dass die Angehörigen immer noch nein sagen könnten. So entstehe ein "Sicherheitsnetz", das vor Fehlern und Missbrauch schütze.

Spahn mahnte, jeder könne einmal in die Situation kommen, ein Spenderorgan zu brauchen. Ihn selbst treibe das Thema um, als Politiker und als ein Mensch, der Kontakt habe zu Patienten, die auf ein Organ warteten oder ein Organ geschenkt bekommen hätten. Spahn warb für die erweiterte Widerspruchslösung. Dabei könne jeder Mensch widersprechen, auch die Angehörigen noch. Dies sei zumutbar in einem Land, in dem so viele Menschen auf ein Organ warteten. Eine Organabgabepflicht werde es nicht geben, dies sollte auch nicht so dargestellt werden.

Allerdings scheinen die Kritiker dieser Variante zahlreich zu sein. Christine Aschenberg-Dugnus (FDP) sagte, ein unterlassener Widerspruch könne nicht einfach als Zustimmung gewertet werden. Für den Datenschutz gebe es Zustimmungspflichten, und ausgerechnet für die wichtige Frage der Organspende solle "Schweigen als Zustimmung gelten". Das sei absurd. Eine verpflichtende Entscheidungslösung wäre ein maßvoller Kompromiss.

Wie das praktisch aussehen könnte, erklärte die Grünen-Abgeordnete Annalena Baerbock. Sie und andere Abgeordnete schlügen eine verbindliche Abfrage der Spendenbereitschaft vor, wenn jemand einen Personalausweis beantrage. Wenn die Leute den Ausweis dann wieder abholten, könnten sie ihre Entscheidung geheim dokumentieren oder auch mehr Zeit einfordern. Zu den Befürwortern dieser Lösung gehören laut Baerbock etliche Abgeordnete der Union. Auch Katja Kipping (Linke) warb für die verbindliche wiederkehrende Abfrage. Sie fügte hinzu, es sei gut, dass auch nachdenkliche Stimmen zu Wort kämen, es gehe ja um ethische Fragen und staatliche Zugriffsrechte. Sie selbst habe einen Organspendenausweis und finde die Vorstellung tröstlich, dass "womöglich eines meiner Organe einem anderen Menschen weitere Lebensjahre bescheren kann".

Spendenregister Kerstin Griese (SPD) warb dafür, den Spendencharakter nicht zu gefährden. Eine Organspende könne nicht vom Gesetzgeber verordnet werden. Das wäre keine Spende mehr, sondern eine "Organabgabe". Die Organspende sei aber ein Geschenk. Griese hat sich erst vor einigen Jahren für einen Spendenausweis entschieden, "weil mich unser damaliger Fraktionsvorsitzender Frank-Walter Steinmeier (SPD) mit seiner Nierenspende an seine Frau sehr beeindruckt hat". Sein Handeln habe ihr gezeigt: "Du musst etwas tun."

Dass sich Menschen ungern mit Themen befassen, die ihr eigenes Ableben beinhalten, ist aus Sicht von Katrin Helling-Plahr (FDP) nachvollziehbar. Gleichwohl müsse sich die Politik der Herausforderung stellen. In Abwägung der drei diskutierten Varianten sollte "das mildeste Mittel" gewählt werden, die verpflichtende Entscheidungslösung. Zudem müsse "zwingend und dringend" ein Organspendenregister geschaffen werden, wo Entscheidungen für oder gegen die Organspende dokumentiert würden. Dies sei "die beste vertrauensbildende Maßnahme". Die Spendenausweise könnten ja auch verloren gehen.

Kirsten Kappert-Gonther (Grüne) berichtete, sie trage ihren Spendenausweis seit Jahrzehnten und habe gelernt, dass auch alte Leute mit ihren Organen noch Leben retten könnten. Sie mahnte, es müsse "moralisch gleichwertig" sein, ob jemand sich für oder gegen eine Organspende entscheide. Und jeder Bürger müsse die Entscheidung jederzeit ändern können.

Auch Ex-Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) positionierte sich gegen die Widerspruchslösung. Sie widerspreche den Prinzipien der Medizinethik und Patientenrechte. "Eine Organspende ist ein Geschenk aus Liebe zum Leben. Das setzt Freiwilligkeit und Zustimmung voraus. Dabei sollte es bleiben."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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