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BERLINALE
Katharina Dockhorn
Hase und Igel

Direktor Dieter Kosslick im Interview über die Internationalen Filmfestspiele und ihre Zukunft

Die Berlinale wird vom 15. bis 25. Februar wieder Treffpunkt der internationalen Filmwelt. Der Direktor des Festivals, der seit 2001 im Amt ist und dessen Vertrag am 31. Mai 2019 endet, empfängt die Interviewerin mit den Worten "Reden wir über die Berlinale 2022".

Herr Kosslick, wo findet die Berlinale 2022 denn statt?

Der Mietvertrag für den Berlinale-Palast läuft vorerst bis 2022. Ob das Festival dann in ein Filmhaus umziehen wird, das auf dem Parkplatz des Martin-Gropius-Baus errichtet werden könnte, muss von der neuen Bundesregierung entschieden werden. Die Parameter dafür sind geklärt. Das Grundstück gehört dem Bund.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und viele Institutionen und Persönlichkeiten der deutschen Filmbranche haben Sie im Dezember gegen die Vorwürfe von Journalisten verteidigt, die eine Petition von Regisseuren zum Verfahren zur Suche nach einem Berlinale-Leiter ab 2019 instrumentalisiert hatten, um die Berlinale zu kritisieren. Dachten Sie in diesen Tagen an Rückzug?

Das war schon frustrierend, obwohl sich viele Regisseure in persönlichen Briefen und öffentlich von dieser Einvernahme distanziert haben. Ich will keinem Journalisten vorschreiben, was er denkt und schreibt. Mit Kritik kann ich leben. Aber warum wurden tagelang viele Seiten gefüllt, wenn 24 Stunden nach der Veröffentlichung des Artikels auf "Spiegel-Online" klar war, dass hier die Forderung der Regisseure gar nicht an mich adressiert war? Ich kann mich da nicht des Eindrucks erwehren, dass die, die diese Debatte angestoßen hatten, ganz andere Interessen verfolgen. Das Traurige ist dabei nur, dass die Diskussion weltweit für Schlagzeilen sorgte und es schwer ist, diese Art von Berichten wieder zurechtzurücken.

Zu den Unterzeichnern des Briefes gehörte Philipp Gröning, dessen Film "Mein Bruder Robert ist ein Idiot" im Wettbewerb läuft, aber nicht Tom Tykwer, dem vorgeworfen wurde zu kneifen. Weil Sie ihn als Jury-Präsident gewinnen wollten?

Tom Tykwer hat ja öffentlich erklärt, warum er nicht unterschrieben hat. Ihm bin ich seit Jahrzehnten freundschaftlich verbunden. Sein erster englischsprachiger Film "Heaven" lief in meinem ersten Berlinale-Amtsjahr im Wettbewerb. Ich schätze seine Arbeit und wollte ihn schon lange als Jurypräsident gewinnen.

Das deutsche Kino ist neben dem mit Spannung erwarteten Film von Philipp Gröning mit Christian Petzolds Verfilmung von Anna Seghers "Transit", Thomas Stubers "In den Gängen" und Emily Atefs Romy-Schneider Biopic "Drei Tage in Quiberon" gut vertreten. Mir fällt mit Ausnahme von "Das Leben der Anderen" auch kein Titel aus den vergangenen Jahren ein, der von der Berlinale übersehen wurde.

In meinen 17 Jahren haben deutsche Filme, Schauspieler und Schauspielerinnen ein Dutzend Silberne Bären gewonnen. Dazu kommen drei Goldene Bären: für Fatih Akins "Gegen die Wand" und die Koproduktionen "Grbavica" und "Bal". Insgesamt wurden rund 30 deutsche Filme oder Koproduktionen in dieser Zeit mit Bärenpreisen ausgezeichnet. Die Berlinale zeigt jedes Jahr 60 bis 70 deutsche Filme in allen Sektionen. Ich freue mich auch, dass Wes Andersons Weltpremiere das Festival mit "Isle of Dogs" eröffnet. Der Film ist vom Studio Babelsberg koproduziert worden.

Ein Festival lebt auch vom Rummel, von den Stars am Roten Teppich. Kann ein Festivaldirektor es mit seinen Einladungen überhaupt allen recht machen?

Die Diskussion um Stars ist so alt wie die Berlinale und scheint für unsere Besucher zweitrangig. Nach einer "Forsa"-Umfrage aus dem vergangenen Jahr kommt nur ein Prozent der Zuschauer allein wegen des Blitzlichtgewitters zu den Vorstellungen. Wer von den beliebten Schauspielerinnen und Schauspielern seine Arbeit dort präsentiert, entscheidet sich durch die Auswahl der Filme. Stars sind die sichtbaren Künstler und Künstlerinnen der Filme und sie gehören auch zu einem A-Festival. Wobei ich schon darauf achte, dass die Berlinale ein ausgewogenes Verhältnis zwischen amerikanischen und Stars aus anderen Ländern hat.

Sind überhaupt genug Filme auf dem Markt, um die Wettbewerbe von 15 A-Festivals zu füllen?

Jedes Jahr werden vielleicht 40 bis 50 Filme gedreht, bei denen sich alle einigen können, dass sie unbedingt in die Wettbewerbe von A-Festivals gehören. Was es für alle Festivals schwierig macht, ein Programm mit 18 Topfilmen zu kuratieren. Einige Filme können wir nicht zeigen, weil der Verleih sie früher herausbringen will. Das Festival hat auch die Vorverlegung der Oscar-Verleihung gut gemeistert. Wir haben wunderbare Entdeckungen wie "Boyhood" oder "Grand Budapest Hotel" gezeigt, die erst ein Jahr später bei den Oscars triumphierten. Und nicht zuletzt kommt es darauf an, was jeder unter einem herausragenden Film versteht. Man kann diese unterschiedlichen Filme eigentlich nicht miteinander vergleichen, obwohl wir die Jury jedes Jahr dazu zwingen.

Sie haben in Ihrer Amtszeit viele neue Reihen aufgelegt, einige Kritiker beklagen die Unübersichtlichkeit und fordern eine Verschlankung?

Dann sollten sie Vorschläge unterbreiten, wo wir streichen sollen. Beim Generation-Programm für 65.000 Kinder und Jugendliche? Das wird eine interessante Debatte, wie solch ein Festival gesellschaftlich verortet sein muss. Die Berlinale erhält jährlich über sieben Millionen Euro aus dem Bundeshaushalt und Förderung aus Drittmitteln. Wir haben als Festival auch eine gesellschaftliche Verpflichtung.

Wobei für Sie stets im Zentrum stand, dem Steuerzahler ein interessantes Angebot zu machen.

Das bin ich dem Charakter des Festivals schuldig, in dessen DNA der enge Kontakt mit dem Zuschauer verankert ist. Die Berlinale hat durch die staatliche Unterstützung die artistische Freiheit, der Kunst Tribut zu zollen, sie kann mehrstündige philippinische Filme ebenso wie Newcomer in den Wettbewerb einladen. Und das Publikum nimmt das Angebot gerne an. Der Zufriedenheitswert hat im Vergleich zu 2007 um 10 Prozent zugelegt. Die Zuschauer hätten die Berlinale sogar gerne noch ein bisschen größer.

Um dies auch logistisch zu bewältigen, haben Sie Monika Grütters die Splittung der Verantwortung für den künstlerischen und den geschäftlichen Bereich vorgeschlagen?

Der Wettbewerb um die besten Filme wird sich durch die Streamingdienste und andere Arten der Distribution weiter verschärfen. Andere Festivals haben die Funktionen getrennt. Thierry Fremaux aus Cannes, Alberto Barbera aus Venedig und ich liefern uns oft ein Wettrennen wie Hase und Igel bei den Auswahlreisen. Der Unterschied ist nur, dass sie rund um die Uhr als künstlerische Direktoren um die Welt flitzen und die Filmemacher treffen können. Der Direktor der Berlinale hat zusätzlich viele administrative und budgetäre Verantwortungen für eine Institution, bei der zum Festival 1700 Personen arbeiten. Von der sollte die künstlerische Leitung befreit werden. In Ländern wie Frankreich ist es zudem normal, dass es auch noch einen Präsidenten oder eine Präsidentin gibt. Diese Tradition kennt Deutschland nicht.

Welche inhaltlichen Vorstellungen haben Sie in die Diskussion eingebracht?

Meinen Masterplan, den ich beim Amtsantritt hatte, habe ich erfüllt. Jedes Jahr wurde eine neue Initiative, von der Perspektive Deutsches Kino bis zu den Berlinale Series gestartet. Die Berlinale ist ein Full-Service-Festival geworden. Jeder kann hier seine Filme vorstellen, seine Kunst im Forum Expanded präsentieren und seine Geschäfte im Markt machen. Es ist gelungen, junge Leute anzuziehen. Zehn Prozent unserer Filme kommen heute von ehemaligen Teilnehmern unserer Initiative Berlinale Talents. Und mit dem World Cinema Fund wurden 88 Filme unterstützt, einige hatten wir im Programm. Und nicht zuletzt wurde unser European Film Market (EFM) neu konzipiert.

Ist der EFM als Handelsplatz heute das zweite Herzstück der Berlinale?

Heute wird hier alles gehandelt, von Drehbüchern, Fernseh- und Buchrechten bis zu Filmen in allen Phasen des Herstellungsprozesses. Der EFM informiert zudem über die Entwicklungen der globalen Filmwirtschaft und ist einer der bedeutendsten Branchentreffs. Nach einer kleinen Delle vor circa sechs Jahren auf Grund der ökonomischen Turbulenzen ist der Markt heute in Top-Form. Neben dem Martin Gropius Bau mieten wir das halbe Marriott-Hotel für Marktteilnehmer und -Teilnehmerinnen an. Wir haben den Markt auch für Serien geöffnet. Diesen Zweig wollen wir in diesem Jahr an unseren früheren Standpunkt am Zoo-Palast konzentrieren. Aber das Kino bleibt das Kerngeschäft. Das offizielle Programm zeigt nur Filme, die einen Kinostart haben sollen. Gus van Sants "Don't Worry, He Won't Get Far on Foot" beispielsweise ist zwar eine Amazon-Produktion, aber für eine Kinoauswertung vorgesehen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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