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EDITORIAL
Jörg Biallas
Trick mit dem Alter

Flüchtlingspolitik war in der ersten Sitzungswoche des neuen Jahres ein Schwerpunkt der parlamentarischen Arbeit im Deutschen Bundestag. Auf der wegen der ausstehenden Regierungsbildung überschaubaren Tagesordnung ging es ausführlich um Fragen des Umgangs mit Ausländern, die in Deutschland Zuflucht suchen. Unter dem Eindruck der Sondierungsgespräche für eine abermalige Große Koalition, wo dieses Thema ebenfalls eine große Rolle spielte, war es im Plenum besonders lebhaft.

Auch in der Öffentlichkeit wird nach wie vor emotional über Asyl- und Zuzugsregelungen diskutiert. Sachliche, an der Wirklichkeit orientierte Argumente weichen dabei schnell Halbwahrheiten und pauschalen Urteilen. Die Lösung der Probleme macht das nicht leichter.

So ist es Unfug, wenn der Eindruck erweckt wird, flächendeckend würde das Alter junger, Asyl suchender Männer nicht korrekt bestimmt. Die allermeisten, die in unser Land kommen, sind ehrlich und geben ihre persönlichen Daten korrekt an. Die anderen müssen mit rechtsstaatlichen Mitteln entlarvt werden.

Aus guten Gründen genießen Minderjährige, die unbegleitet nach Deutschland geflohen sind, besonderen Schutz und Privilegien. Und, ja, das hat sich unter den Flüchtlingen herumgesprochen. Die Versuchung, den Behörden Personaldokumente vorzuenthalten und ein geringeres Alter als das tatsächliche vorzugaukeln, ist präsent.

Selbstverständlich hat ein Staat das Recht, die lückenlose Identität derer zu erfahren, die aufgenommen werden wollen. Und dazu gehört gewiss auch die Angabe des korrekten Alters. Zumal davon eine nicht unbeträchtliche finanzielle Förderung abhängt.

Nun mag darüber gestritten werden, mit welchen Methoden das Alter verlässlich und zumutbar zu bestimmen ist (siehe Gastkommentare auf Seite 2). Hilfreich, ja notwendig, ist aber in jedem Fall eine einheitliche Regelung für alle Bundesländer, die derzeit noch sehr unterschiedlich agieren. Das würde auch dazu beitragen, das Anerkennungsverfahren für die Betroffenen durchsichtiger und glaubwürdiger zu machen.

Wer sich die Eintrittskarte in ein neues Leben mit einer Lüge erschleichen will, darf nicht auf Solidarität hoffen. Alles andere wäre Betrug an jenen, die als Minderjährige ohne Familienanschluss unserer Fürsorge besonders bedürfen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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