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Kurz REZENSIERT

Die Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann erhielt bereits zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Max-Planck-Forschungspreis und in diesem Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Die emeritierte Konstanzer Professorin wurde international bekannt durch ihre Studien zum kulturellen Gedächtnis der Menschheit und zur deutschen Erinnerungskultur. In ihrem empfehlenswerten aktuellen Buch, das sie "den Trägern und Stützen der Willkommenskultur gewidmet" hat, fordert sie die Europäer auf, an ihrem "europäischen Traum" festzuhalten. Im Unterschied zum individualistischen "amerikanischen Traum" handle es sich beim europäischen Traum um die Antwort eines ganzen Kontinents auf den Alptraum Krieg sowie um die Überzeugung, die Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft meistern zu können. Die europäischen Nationen seien miteinander nicht nur in einer Geschichte von Gewalt und Traumata verbunden, sondern vor allem durch eine lange Tradition positiver Selbstbilder und eine gemeinsame friedliche Gegenwart.

In klaren Sätzen erinnert die Autorin daran, dass die frühere europäische "Herrenrasse" aus der Geschichte gelernt habe: Nach zwei Weltkriegen seien aus Erzfeinden verlässliche Nachbarn; aus Diktaturen rechtsstaatliche Demokratien, in denen die Einhaltung der Menschenrechte Staatsräson ist, geworden. Allerdings habe erst die Aufarbeitung der traumatischen Vergangenheit diesen Weg ermöglicht.

In Ihren Analysen verharrt Assmann nicht bei europäischen Erfolgen. Vielmehr fordert sie die Europäer auf, in Zeiten der Flüchtlingskrise ihre Werte zu überprüfen und umzusetzen. Die Menschenrechte seien heute der äußerste Testfall für die Identität Europas. Dagegen würden die Alternativkonzepte zu einem offenen Europa angetrieben von der Sehnsucht nach Sicherheit und Abschottung sowie nach Größe und Stolz auf die eigene Nation. Dieser Weg führe jedoch direkt zurück ins 19. Jahrhundert und zur Aufkündigung des Projekts Europa.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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