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Gedenkstunde
Sören Christian Reimer
»Hass ist Gift«

Der Bundestag erinnert an die Opfer des Nationalsozialismus. Cellistin Anita Lasker-Wallfisch berichtet von ihrem Schicksal in Auschwitz. Wolfgang Schäuble mahnt, gegen Hass und Ausgrenzung vorzugehen

Nie wieder Deutschland! Jahrzehntelang mied die am 17. Juli 1925 im damals noch deutschen Breslau geborene Anita Lasker-Wallfisch ihr Geburtsland. Das Land, das ihrem Vater Alfons Lasker das Eiserne Kreuz für seinen Einsatz im Ersten Weltkrieg verlieh, hatte sich unter Führung der Nationalsozialisten gegen sie gewendet. Weil sie Jüdin war. Mit den Nazis kam die Ausgrenzung: Sie wurde beleidigt und bespuckt. Dann setzte sich die NS-Vernichtungsmaschinerie in Kraft: Ihre Eltern, Rechtsanwalt Alfons und die Geigerin Edith Lasker, wurden 1942 deportiert. Anita Lasker-Wallfisch sah sie nie wieder. Mit ihrer Schwester Renate kam sie in ein Waisenhaus und musste in einer Papierfabrik arbeiten. Die beiden Schwestern - eine ältere, Marianne, war noch rechtzeitig nach England gelangt - halfen französischen Zwangsarbeiten beim Fälschen von Dokumenten. Bei ihrem Versuch, selbst zu fliehen, wurden die beiden Schwestern verhaftet und 1943 zu Haftstrafen verurteilt. Anita Lasker-Wallfisch kam Ende 1943 mit einem Häftlingstransport nach Auschwitz, überlebte das Vernichtungslager und wurde schließlich im Konzentrationslager Bergen-Belsen von der britischen Armee befreit. Sie emigrierte wenige später über Belgien nach England.

Der Schwur "Ich hatte geschworen, nie wieder meine Füße auf deutschen Boden zu setzen. Mein Hass auf alles, was deutsch war, war grenzenlos", sagte Lasker-Wallfisch vergangene Woche im Bundestag. Die 92-Jährige berichtete anlässlich der Gedenkstunde zum "Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus" von ihrem Schicksal. Auch ihre Schwester Renate Lasker-Harpprecht wohnte der Veranstaltung bei.

Erst 1994 kehrte Lasker-Wallfisch zurück und spielte mit dem von ihr mitbegründeten "English Chamber Orchestra" in Deutschland. Lasker-Wallfisch ist seit ihrer Kindheit Cellistin. Ein Talent, das wesentlich für ihr Überleben in Auschwitz war. "Wenn man irgendwie gebraucht wird, hat man eine winzige Chance. Ich hatte diese Chance - ich wurde 'gebraucht'". Denn Lasker-Wallfisch war Teil des Mädchenorchesters von Auschwitz, das von Alma Rosé, Nichte des Komponisten Gustav Mahler, dirigiert wurde. Das Orchester spielte, wenn die Lagerinsassen zur Zwangsarbeit marschierten, oder bei Besuchen durch SS-Obere. "Für viele war Musik in dieser Hölle eine absolute Beleidigung, für manche vielleicht eine Möglichkeit, sich für Momente in eine andere Welt zu träumen", berichtete Lasker-Wallfisch.

Auch Privatkonzerte für SS-Schergen wie den Lagerarzt Josef Mengele hatte das Orchester zu absolvieren. Einen Umstand, den Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) in seiner Ansprache hervorhob: "Musikalische Empfindsamkeit und bestialische Grausamkeit - diesen Tätern war beides möglich." Auf Befehl zu musizieren, Mord und Vernichtung zu begleiten, das sei eine Perversion - "und sie half trotzdem einigen Häftlingen, Gott sei Dank, zu überleben", sagte Schäuble.

Sie sahen alles Lasker-Wallfisch wurde unmittelbare Zeugin des deutschen Vernichtungswahns. Die Baracke des Mädchenorchesters lag in unmittelbarer Nähe von Krematorium I. "Wir konnten alles sehen: die Ankunftszeremonien, die Selektionen, die Kolonnen von Menschen, die Richtung Gaskammer gingen und in Rauch verwandelt wurden." Eindrücklich schilderte sie im Plenum des Bundestages, wie 1944 die Transporte aus Ungarn ankamen. Die Gaskammern konnten nicht Schritt halten. "Die, die in den Gaskammern keinen Platz hatten, erschoss man." Gruben seien ausgehoben worden, um die Ermordeten zu verbrennen. "In vielen Fällen warf man Menschen bei lebendigem Leibe in die brennenden Gruben."

In Birkenau traf sie auch ihre Schwester Renate wieder, die länger in Haft gesessen hatte. Wie auch ihre Schwester kam sie mit einem Häftlingstransport an und entging so der Selektion an der Rampe. Ihr Zustand, so erinnerte sich Lasker-Wallfisch, sei kaum zu beschreiben gewesen: "Eigentlich wäre es eine Gnade gewesen, wenn sie einfach stillschweigend gestorben wäre." Doch sie überlebte. Beide Schwestern wurden, als die Rote Armee näher kam, nach Bergen-Belsen transportiert, wo sie schließlich befreit wurden. "Wer hätte geglaubt, dass wir Auschwitz lebendig und nicht als Rauch verlassen würden", so Lasker-Wallfisch.

Scheitern der Gewissheit Die nüchtern vorgetragene, aber in ihrem Inhalt drastische Schilderung Lasker-Wallfischs unterstrich einen der wesentlichen Punkte von Schäubles Rede: "An Auschwitz scheitert jede Gewissheit." Diesen Leitsatz hatte der Bundestagspräsident seinen Ausführungen vorangestellt. In Anbetracht des industriellen Massenmordes unter NS-Herrschaft scheitere auch das "Vertrauen in den menschlichen Fortschritt, den Sinn von Geschichte, die zivilisierende Kraft der Kultur, die Gewissheit über die Grenzen dessen, was Menschen an Leid, Schmerz und Erniedrigung ertragen und was sie anderen Menschen zufügen können." Nach Auschwitz dürfe das Bestehen von Institutionen nicht als selbstverständlich angenommen werden. "Rechtsstaat, Gewaltenteilung, Demokratie brauchen unser Engagement", sagte Schäuble.

Engagement gegen Hass Und Engagement verlangte der 75-Jährige vor allem, um gegen Hass und Ausgrenzung vorzugehen: "Wer Hass schürt, beutet die Verunsicherung, die Ängste von Menschen aus. Wer vom Volk spricht, aber nur bestimmte Teile der Bevölkerung meint, legt Hand an unsere Ordnung." Der Bundestagspräsident diagnostizierte eine zunehmende Verrohung der Gesellschaft - und das nicht nur im Netz. Die Zahl der durch Hass motivierten Straf- und Gewalttaten habe sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt, meist handle es sich um fremdenfeindliche Taten: "Jeden Tag werden Menschen bei uns angegriffen, weil sie anders aussehen, anders sprechen, weil sie fremd erscheinen - und Fremde bleiben sollen", sagte Schäuble. Zwar sei die große Mehrheit der Deutschen nicht fremdenfeindlich, es müsse uns aber beunruhigen, "wenn Angriffe auf Zuwanderer, auf Flüchtlinge und deren Unterkünfte stillschweigend oder gar laut gebilligt werden". Auch Übergriffe auf Moscheen und pauschale Anfeindungen gegenüber Muslimen verurteilte Schäuble.

Mit deutlichen Worten geißelte der Bundestagspräsident den noch immer grassierenden Antisemitismus. Es sei inakzeptable, wenn ein Großteil der in Deutschland lebenden Juden angebe, antisemitische Anfeindungen zu erleben, wenn antijüdische Parolen auf den Straßen gegrölt und wenn - wie jüngst geschehen - israelische Flaggen verbrannt würden. Das gelte für alle in Deutschland lebenden Menschen, auch für jene, "für die die deutsche Vergangenheit nicht die eigene ist". Die Zuwanderer lebten nun in einer "Verantwortungsgemeinschaft", wie Schäuble mit Verweis auf den von Alt-Bundespräsident Joachim Gauck geprägten Begriff betonte. "Damit sind Verpflichtungen verbunden. Wer hier leben will, muss sie akzeptieren. Darauf bestehen wir."

Lob für Flüchtlingspolitik Lasker-Wallfisch mahnte ebenfalls zur Wachsamkeit: Antisemitismus sei ein anscheinend unheilbarer, "2.000 Jahre alter Virus". Heute werde aber nicht unbedingt von Juden gesprochen, sondern von Israelis, sagte die Cellistin. Es sei ein Skandal, "dass jüdische Schulen und sogar jüdische Kindergärten polizeilich bewacht werden müssen!" Lobende Worte fand die Musikerin für die Flüchtlingspolitik der Bundesrepublik in den vergangenen Jahren: "Für uns haben sich die Grenzen damals hermetisch geschlossen und nicht, wie hier, geöffnet."

Das musikalische Talent hat Anita Lasker-Wallfisch im Übrigen in der Familie gehalten. Ihr Ehemann Peter Wallfisch war Pianist, Enkelsohn Benjamin ist Komponist. Ihr Sohn Raphael Wallfisch ist ebenfalls Cellist und begleitete die Gedenkveranstaltung musikalisch. Gespielt wurden zwei Stücke von Ernest Bloch.

Dass sie ihren Schwur, nicht nach Deutschland zurückzukehren, gebrochen habe, bereue sie nicht, sagte Lasker-Wallfisch. Zwar gebe es "weder Entschuldigungen noch Erklärungen für das, was damals geschehen ist". Es bleibe nur die Hoffnung, "dass womöglich letzten Endes der Verstand siegt". Hass sei aber keine Lösung. "Hass ist ganz einfach ein Gift, und letzten Endes vergiftet man sich selbst."Sören C. Reimer

Die Reden im Wortlauf sind in der "Debattendokumentation" abgedruckt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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