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Internationale Jugendbegegnung
Laura Heyer
»Widerstand aus Gewissensgründen«

71 Teilnehmer spüren dem Schicksal der »Weißen Rose" und der Häftlinge des KZ Dachaus nach

Der graue Kies knirscht unter den Füßen der Besucher. Immer wieder gehen Gruppen von Menschen durch das massive schwarze Eisentor. "Arbeit macht frei" steht im oberen Teil der kleinen Tür im Tor. Durch die Zwischenräume der Buchstaben kann man den Appellplatz sehen. Obwohl die Sonne scheint, ziehen einige der jungen Besucher ihre Jacken enger zusammen an diesem Januarmorgen. Vor gerade einmal 80 Jahren standen hier jeden Tag tausende Häftlinge, die zur Zwangsarbeit in umliegenden Fabriken oder Lager geschickt wurden. Im Konzentrationslager Dachau waren insgesamt über 200.000 Menschen inhaftiert. Zehntausende von ihnen kamen ums Leben. Das "Modell Dachau" mit seinen Strukturen diente als grausame Vorlage für viele andere Konzentrationslager. Zwischen 1933 und 1945 inhaftierten und töteten die Nationalsozialisten in diesen Einrichtungen politische Gegner, Kriegsgefangene und Opfer ihrer politischen Ideologie.

"Es ist schwer zu ertragen, wenn man sich vorstellt, wie viele unschuldige Menschen hier ums Leben gekommen sind", sagt Safi beim Rundgang in der Gedenkstätte des Lagers. Der 20-jährige Afghane ist einer von 71 Teilnehmern der Internationalen Jugendbegegnung des Deutschen Bundestages, die jedes Jahr anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar stattfindet. Dieses Jahr reisten die Teilnehmer unter dem Motto "Widerstand aus Gewissensgründen" und beschäftigten sich unter anderem mit den Mutigen, die sich gegen das Nazi-Regime aufgelehnt hatten. Viele der Teilnehmer engagieren sich in der Gedenkstättenarbeit. "Wir bringen Jugendliche aus verschiedenen Ländern zusammen, die sich über Erinnerungskultur austauschen können", sagt Hans-Henner Becker von der Bundestagsverwaltung.

Schicksale An einem der Nachmittage sitzen die jungen Leute in Arbeitsgruppen zusammen und beschäftigen sich mit einzelnen Häftlingen - viele von ihnen bezahlten ihre Auflehnung mit dem Leben. So etwa Franz Stenzer, Kommunist, Reichstagsabgeordneter und Untergrundkämpfer. Stenzer wurde mit 33 Jahren in Dachau erschossen. "Das zeigt die ganze Brutalität, mit der die Nazis gegen alle, die anders gedacht haben, vorgegangen sind", sagt Ali Hassan (19) aus Pakistan.

Auch ein Besuch der Ludwig-Maximilians-Universität München steht auf dem Programm der Jugendbegegnung. Im zweiten Stock des Lichthofes zwischen grün gemaserten Marmorsäulen unter einer Kuppel aus Milchglas bekommen die Teilnehmer ein Gefühl dafür, wie es am 18. Februar 1943 gewesen sein könnte. Vor ziemlich genau 75 Jahren warfen Hans und Sophie Scholl Flugblätter in den Innenhof des Hauptgebäudes. Darin forderten die Geschwister und ihre Mitstreiter Studenten und Bürger auf, sich gegen das Regime der Nationalsozialisten aufzulehnen. Für ihr Handeln wurden sie nur wenige Tage später hingerichtet.

Die "Weiße Rose", wie sich die Gruppe nannte, ist ein sehr bekannter Teil der deutschen Erinnerungskultur. "Jeder verbindet Flugblätter heute mit Hans und Sophie Scholl, obwohl es eine gängige Form im Widerstand war", erklärt Eva Hoegner, Mitarbeiterin der "DenkStätte Weiße Rose", den jungen Besuchern. Das können die deutschen Teilnehmer bestätigen. Die Schülerin Ninon Cazaux (17) aus Frankreich und Daria Zamiatina (22) aus Russland sind hingegen überrascht - sie haben vor der Jugendbegegnung noch nie etwas über die Weiße Rose gehört.

Neben den Besuchen in München und Dachau haben die Teilnehmer der Jugendbegegnung die Möglichkeit, mit vier Zeitzeugen zu sprechen. Die Geschichte, die ihnen der 93-Jährigen Ukrainer Wolodymir Dschelali erzählt, beeindruckt sie besonders: Mit 17 Jahren wurde er als Zwangsarbeiter nach Dachau verschleppt. Dort half er, Nachrichten und Medikamente ins Lager zu schmuggeln und sabotierte heimlich die Arbeit in der Schreinerei, in der er arbeiten musste. Kurz vor Kriegsende gelang ihm die Flucht. "Die Erfahrung von einem Zeitzeugen zu hören, fand ich extrem berührend", sagt der 21-Jährige Valentin Wutke aus Deutschland. Wie auch er sind alle ergriffen, als Dschelali am Ende des Gesprächs mit fester Stimme auf Russisch ein Gedicht vorträgt und die Jugendlichen eindringlich auffordert: "Gedenke!".

Am fünften Tag ihrer Reise zwischen Vergangenheit und Gegenwart sitzen Valentin, Ninon, Daria und all die anderen auf den blauen Stühlen im Plenarsaal des Reichstagsgebäudes in Berlin. Dort dürfen sonst nur Bundestagsabgeordnete sitzen. Es ist die offizielle Feierstunde des Bundestages (siehe Text oben). "An Auschwitz scheitert jede Gewissheit", sagt Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble in seiner Rede. "Wir gedenken nicht als persönlich Schuldige. Aber aus der Schuld, die Deutsche in den zwölf Jahren der NS-Diktatur auf sich geladen haben, wächst den nachfolgenden Generationen eine besondere Verantwortung zu." Eine Gesellschaft brauche eine konsequente Haltung gegen jede Form der Ausgrenzung - "bevor es zu spät ist", sagt Schäuble unter Beifall.

Als der Sohn der 92-jährigen Gedenkrednerin und Auschwitz-Überlebenden Anita Lasker-Wallfisch auf dem Violoncello "Prayer" von Ernest Bloch spielt, schließen einige der jungen Zuhörer die Augen. Als der letzte Ton verklingt, herrscht völlige Stille im Plenarsaal.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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