Inhalt

familie
Claus Peter Kosfeld
Unerfüllte Sehnsucht

Viele Paare wünschen sich Kinder, können aber keine bekommen. Labormedizin kann helfen

Ungewollte Kinderlosigkeit ist eine Belastung für Paare und kann schwere Lebenskrisen auslösen. Die Gründe, weshalb die Fortpflanzung ausbleibt, sind vielschichtig und reichen von psychischen Faktoren wie Stress über hormonelle Störungen bis hin zu organischen Ursachen. Von Unfruchtbarkeit betroffen sind gleichermaßen Männer wie Frauen. Bei Männern steht die "Qualität" der Spermien im Vordergrund. Sind hier viele Deformationen erkennbar oder eine nicht ausreichende Beweglichkeit der Samen, kann das eine Ursache für Unfruchtbarkeit sein. Hinzu kommen die Möglichkeit der verminderten Spermienproduktion oder blockierte Samenwege, etwa nach einer Verletzung, Infektion oder Geschlechtskrankheit oder infolge einer angeborenen Fehlbildung.

Bei Frauen verbreitet sind Probleme mit den Eileitern, die geschlossen oder verklebt sein können (Endometriose). Auch Eileiterentzündungen, Geschlechtskrankheiten oder eine erbliche bedingte Fehlfunktion kann dazu führen, dass Eizellen nicht mehr erfolgreich weitergeleitet werden.

Nachlassende Fruchtbarkeit Ungünstige Lebensumstände können auch Ursache sein für ausbleibenden Nachwuchs, etwa dann, wenn ein Körper dauerhaft schwerer Arbeit ausgesetzt ist oder großen psychischen Belastungen. Zudem können Alkohol, Zigaretten, Drogen, Umweltgifte, starkes Übergewicht oder Untergewicht sowie übermäßiger Sport zu einer - bisweilen auch nur vorübergehenden - Störung der Fortpflanzungsfähigkeit beitragen. Die Fruchtbarkeit bei Männern und Frauen lässt mit zunehmendem Alter nach, ein Faktor, der nach Angaben von Medizinern häufig unterschätzt wird. Bereits ab 35 Jahren gehen bei Frauen die Chancen auf eine Schwangerschaft deutlich zurück, ab 40 sackt die Kurve nochmals deutlich ab.

Nach Informationen des Selbsthilfevereins "Wunschkind" sind schätzungsweise bis zu zwei Millionen Paare in Deutschland von primärer oder sekundärer Sterilität betroffen, sie können also keine Kinder bekommen oder keine weiteren Kinder. Nach Expertenschätzungen sind zwischen 7 und 15 Prozent der Paare hierzulande unfruchtbar. Die statistische Dunkelziffer ist groß, genaue Angaben sind nicht verfügbar.

Betroffene Paare können sich für eine künstliche Befruchtung entscheiden. Die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) trägt bei Ehepaaren 50 Prozent der Behandlungskosten, wobei nur die Ei- und Samenzellen des Paares (homologe Insemination) verwendet werden dürfen. Was die Restkosten betrifft, stellen Bund und Länder gemeinsam Mittel bereit. Mit einer 2016 in Kraft getretenen Änderung der Richtlinie des Bundesfamilienministeriums "zur Förderung von Maßnahmen der assistierten Reproduktion" ist die Bundesförderung auf unverheiratete Paare ausgedehnt worden. Die Bund-Länder-Förderung setzt allerdings voraus, dass sich die Bundesländer mit einem Landesförderprogramm beteiligen. Derzeit gibt es mit sechs Ländern eine Kooperation: Berlin, Thüringen, Sachsen, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. Alsbald sollen Nordrhein-Westfalen, Hessen und Brandenburg folgen. Bund und Länder tragen für verheiratete Paare bis zu 25 Prozent der Selbstkosten nach Abrechnung mit der Krankenkasse. Bei unverheirateten Paaren werden für den 1. bis 3. Behandlungszyklus bis zu 12,5 Prozent des Selbstkostenanteils getragen, für den 4. Versuch bis zu 25 Prozent. Verheiratete oder verpartnerte homosexuelle Paare haben weder Anspruch auf Kostenübernahme durch die GKV noch durch das Bundesprogramm. Eine Ausnahme macht hier nur die AOK Baden-Württemberg.

Reform gefordert Vergangene Woche war die Kostenregelung Thema im Bundestag. Die FDP-Fraktion fordert in einem Antrag (19/585), die Kinderwunschbehandlungen unabhängig von der Kofinanzierung der Länder mit 25 Prozent durch den Bund zu fördern und die Richtlinie so zu ändern, dass auch Alleinstehende davon profitieren sowie gespendete und eingefrorene Ei- und Samenzellen berücksichtigt werden. Die FDP-Abgeordnete Katja Suding räumte ein, die Erwartung an die Umsetzung der Richtlinie durch die Länder sei zu optimistisch gewesen. Es sei zudem offensichtlich, dass die jetzigen Förderinstrumente der Lebenswirklichkeit nicht gerecht würden, da bereits jedes dritte Kind außerhalb einer Ehe geboren werde.

Auch Gülistan Yüksel (SPD) sagte, die finanzielle Unterstützung dürfe nicht vom Trauschein abhängig sein. Die GKV sollte auch für Unverheiratete zahlen und die Kosten komplett übernehmen, selbst wenn es keine Garantie dafür gebe, dass der Kinderwunsch in Erfüllung gehe. Sie forderte darüber hinaus, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen so zu verbessern, dass die Familienplanung nicht länger verzögert werde, weil Menschen meinten, sie könnten sich Kinder nicht leisten. Nötig sei eine familienfreundlichere Arbeitswelt.

Katrin Werner (Linke) merkte an, mit der eingeschränkten Finanzierung durch die GKV bleibe die Kinderwunschbehandlung ein Privileg der Besserverdienenden. Sie forderte die volle Kostenübernahme durch die GKV, unabhängig von Geschlecht und Beziehungsstatus. Die Ärztin Kirsten Kappert-Gonther (Grüne) berichtete aus der Praxis, der unerfüllte Kinderwunsch sei für Frauen ein "bohrender Schmerz". Die Behandlungen seien aber auch "eine enorme Strapaze für Frauen und Paare". In der Reproduktionsmedizin kursierten zudem viele Versprechen, die nicht gehalten würden. Jedoch gebe es "ein Recht auf eine Chance auf ein Kind" unabhängig von Ehe und sexueller Orientierung.

Johannes Huber (AfD) forderte, im Sinne der Kinder am Leitbild der Ehe festzuhalten. Der Bund könnte sodann überall 25 Prozent der Behandlungskosten übernehmen. Kinder gebe es jedoch nicht auf Bestellung. Er warnte davor, die Industrie der künstlichen Befruchtung zu befördern und fügte hinzu, benötigt werde "eine Willkommenskultur für Kinder".

Stephan Pilsinger (CSU) wandte sich gegen eine Ausweitung der Kinderwunschbehandlungen. Er argumentierte, ein Recht auf Elternschaft gebe es nicht, Behandlungserfolge seien nicht garantiert. Auch sei die Zahl der Abtreibungen und Adoptionen weiter hoch. Werdende Mütter sollten also stärker unterstützt werden. Rudolf Henke (CDU) mahnte, Kinder seien für viele Menschen "ein wesentlicher Teil ihrer Sehnsucht". Man sollte sich aber nicht von der rasanten Laborentwicklung treiben lassen "Das Mögliche ist nicht automatisch auch das Richtige."

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag