Inhalt

KULTUR
Katharina Dockhorn
Das Zentralgestirn feiert

Vor 50 Jahren wurde die Filmförderungsanstalt (FFA) gegründet. Ein Rückblick

Drei Filme im Wettbewerb der Berlinale, die aktuelle Bilanz der Filmförderungsanstalt (FFA) kann sich sehen lassen. Die Einladung für Christian Petzolds Adaption von Anna Seghers "Transit", dem Romy-Schneider-Porträt "Drei Tage in Quiberon" von Emily Atef und Philipp Grönings "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot" straft die Kritiker Lügen, die wegen der seit 2017 geltenden Förderrichtlinien der FFA den Untergang des Kulturfilmlands Deutschland beschworen und einen einseitigen Geldregen für Hits wie "Fack Ju Göhte 3" befürchteten.

Der Streit über die Ausrichtung der Förderung zwischen Kunst und Kommerz ist so alt wie die FFA, die am 6. März in Berlin ihren 50. Geburtstag feiert. Sie entstand auf Basis des Filmförderungsgesetzes (FFG) vom 1. Januar 1968. Das Grundprinzip ihrer Arbeitsweise blieb über alle turnusmäßigen Novellierungen, über die der Bundestag alle fünf Jahre entscheidet, unverändert. Die FFA vergibt keine Steuergelder, sondern erhebt Abgaben von allen Marktteilnehmern, die Kinofilme auswerten.

Nutznießer dieses Geldes sind neben den Produzenten alle Einzahler. Die Kinos erhielten nach 1968 ein Drittel des FFA-Etats für Renovierungsmaßnahmen und wurden später bei der Digitalisierung der Leinwände unterstützt. Die FFA ist heute mit zwei Millionen Euro jährlich einer der Motoren der Digitalisierung des Filmerbes.

Das Filmförderungsgesetz wurde von Berthold Martin (CDU), Mitte der 1960er Jahre Vorsitzender des Kulturausschusses des Bundestags, gegen den Widerstand der Kinobetreiber durchgesetzt. Es reagierte auf den Umbruch bei den Sehgewohnheiten der Zuschauer und die Aufbruchstimmung unter den jungen Filmemachern. Das Kino hatte durch den Siegeszug des Fernsehens seine Attraktivität eingebüßt. Wurden 1956 noch 817 Millionen Tickets verkauft, waren es zwölf Jahre später nur noch 243 Millionen. Andererseits hatte die neue Regiegeneration mit dem "Oberhausener Manifest" Opas Kino für tot erklärt. Peter Schamoni, Edgar Reitz, Volker Schlöndorff oder Alexander Kluge orientierten sich an der Nouvelle Vague, dem Free Cinema oder dem Neorealismus.

Geburtsfehler Dieses Spannungsfeld überschattete die ersten Jahre der FFA. In den Genuss ihrer Fördergelder kamen nur Produzenten, deren Filme an der Kinoklasse reüssierten. Und das waren die Heimatfilme. Aus der kulturpolitischen Überlegung der Adenau-er Zeit sei ein Wirtschaftsgesetz geworden, dass die Interessen des Neuen Deutschen Films ignoriere und das Schnulzenkartell des Altfilms stabilisiere, kritisierte Joe Hembus in "Neuer Deutscher Film". Der Gesetzgeber besserte diesen Geburtsfehler schnell aus. Die automatische Belohnung für Erfolge an der Kasse durch die Referenzfilmförderung wurde 1974 durch die Projektförderung ergänzt. Heute sind die Mittel hälftig aufgeteilt. Manchmal lagen die Gremien auch falsch bei ihren Einschätzungen. "Der Schuh des Manitu", "Keinohrhasen" oder der Golden Globe-Gewinner "Aus dem Nichts" erhielten keine Unterstützung.

Mit dem Aus bei den Oscars büßt Akin die Chance ein, von einem Baustein in der kulturellen Komponente der Referenzfilmförderung zu profitieren, die die parteilose Kulturstaatsministerin Christina Weiß 2004 ins FFG einführte. Danach wird die Einladung in die Wettbewerbe internationaler Filmfestivals wie Cannes, Venedig, Berlin, Leipzig, Gera oder Chemnitz mit der automatischen finanziellen Unterstützung für den nächsten Film belohnt. Auch Lolas oder Oscars werden berücksichtigt. Der Golden Globe wurde 2014 aus dem Kriterienkatalog gestrichen.

Die Gewinner der Studenten-Oscars könnten auch von dieser automatischen Förderungsart profitieren, sie scheiterten aber alle an weiteren Kriterien, was ihnen den Eintritt ins Berufsleben erschwert. Zu wenige Talente beißen sich durch wie Thomas Stuber, 2012 Gewinner des Studenten Oscars. Für "Herbert" wurde er mit der Lola geehrt, jetzt ist er mit "In den Gängen", bereits 2015 mit der Drehbuch-Lola ausgezeichnet, im Wettbewerb der Berlinale. Der MDR unterstützt diese Produktion. Überhaupt entsteht kaum noch ein Kinofilm ohne die Beteiligung eines Fernsehredakteurs. Die Grundlage dafür legte das erste FFG. Es zwang die Produzenten, die Fernsehrechte der geförderten Filme für 100.000 D-Mark an die FFA abzutreten. ARD und ZDF weigerten sich, die "Schulmädchenreporte" auszustrahlen. Sie steckten die Gebühren in die Filme von Fassbinder und der Oberhausener. Die zwangsweise Übertragung der Fernsehrechte wurde 1972 gestrichen und 1974 mit den Film-Fernsehabkommen ein Kompromiss gefunden. ARD und ZDF zahlten freiwillig an die FFA und bekamen ein Mitspracherecht bei der Projektauswahl. Anfang der 1990er wurden die Privatsender in das System integriert.

Seitdem können Sender ihre Zahlungen mit Medialeistungen - Werbespots in Funk und Fernsehen - verrechnen, was mehrmals zu Streit führte. Nach 2004 sollten nur Filme, die mit mehr als 100 Kopien starten, in den Genuss der Leistungen kommen - auch Fatih Akins Bären-Gewinner "Gegen die Wand" wäre ausgeschlossen gewesen.. Ein Aufschrei der Branche führte zum Umdenken in der FFA. Ebenso wurde nachjustiert, nachdem Journalisten 2015 bemängelten, dass ausschließlich hochbudgetierte Filme von Medialeistungen profitiert hatten.

Der Einbeziehung der Fernsehsender ins reguläre Abgabesystem des FFG stimmte der Bundestag 2010 zu, nachdem das Bundesverwaltungsgericht auf die Gleichheit aller Nutzer bei der Zahlungspflicht gepocht hatte. Die Kinokette UCI zweifelte jedoch an der Rechtmäßigkeit der Filmabgabe und klagte dagegen, was die FFA in ihre größte Krise stürzte. Jahrelang zahlten etliche Kinobesitzer nicht ein, die Förderung musste herunter gefahren werden.

Das Bundesverfassungsgericht erklärte im Januar 2014 die Filmabgabe für rechtens. Mit den Mitteln können das Wirtschaftsgut Film gestärkt als auch kulturelle Highlights unterstützt werden. "Diese täglich gelebte Verbindung des Selbsthilfe-Verbunds der Filmschaffenden und der Filmnutzer macht die FFA zum Zentralgestirn der Filmförderung," so Alexander Thieß, Vorstand der Produzentenallianz..

Nach dem FFG heißt immer vor dem FFG. Mit den Novellierungen wurde stetig auf die sich verändernden Rahmenbedingungen reagiert. Zuletzt wurde die Förderung der Drehbuchautoren ausgebaut und das umweltverträgliche Drehen in den Fokus genommen. Doch vor der kommenden Diskussion darf gefeiert werden. Happy Birthday FFA.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag