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Parlamentarisches Profil
Hans Krump
Der Ornithologe: Matern von Marschall

Matern von Marschall, genauer Matern Freiherr Marschall von Bieberstein, kommt aus berühmtem Haus. Seine Vorfahren besaßen im 13. Jahrhundert das Marschall- und Kämmerererbamt der Markgrafen von Meißen. Der Familienzweig Matern von Marschalls wechselte ins Südbadische. Seine Vorfahren waren badische Politiker und Diplomaten. Urgroßvater Adolf Marschall von Bieberstein amtierte als Außenminister im Reich Kaiser Wilhelms II. und residierte Anfang des 20. Jahrhunderts als deutscher Botschafter in Konstantinopel. "Dass Familienmitglieder politisch aktiv waren, schärft schon ein wenig das eigene historische Bewusstsein", sagt der Urenkel. Wenn der bisherige Türkei-Berichterstatter und CDU-Abgeordnete Matern von Marschall nun wieder in den EU-Ausschuss entsandt wurde, bewegt er sich sozusagen in Familientradition.

Die heutige Türkei bereitet dem Adelsspross viele Bauchschmerzen. So findet der 55-Jährige den Einmarsch der türkischen Armee ins Kurdengebiet im Nordwesten Syriens mit deutschen "Leopard"-Panzern "besorgniserregend". Von Marschall: "Wir müssen genau prüfen, ob diese Aktion völkerrechtswidrig ist." Deshalb sei es richtig, dass Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) die Nachrüstung der Panzer auf die Zeit einer neuen Bundesregierung verschoben habe, ebenso wie die Lieferung deutscher Schutzmodule für US-Panzer in der Türkei.

Die neuen Friktionen mit Ankara seien eine "heikle Sache", meint von Marschall. "Wir brauchen eine stabile Türkei, die wie schon in der Vergangenheit ein verlässlicher Partner der Nato an wichtiger strategischer Stelle sein sollte." Man müsse gewisse Zwänge Ankaras sehen: Im Inland kämpfe man gegen die heimische terroristische kurdische PKK, die Verbündeter der kurdischen Miliz YPG in Nordsyrien ist, gegen die jetzt die Militäroffensive der Türken läuft. Von Marschall glaubt, dass vor allem innenpolitische Motive für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan beim Einmarsch in Nordsyrien maßgeblich sind: "2019 sind Präsidentschaftswahlen. Erdogan will mit seinem rigiden Kurs auch die nationalistisch orientierten Wähler für sich gewinnen."

Wichtig bleibe die Türkei auch wegen des Anfang 2016 geschlossenen Flüchtlingsabkommens mit der EU, mit dem der Zustrom von Asylbewerbern über die Ägäis nach Griechenland eingedämmt wurde. Von Marschall befürchtet zusätzliche Flüchtlingsströme bei einer Verschärfung der Lage in Syrien, so durch die Militäraktion der Türkei. "Eine Deeskalation der Lage dort ist dringend nötig."

Gleichwohl dürfe nicht verkannt werden, dass Erdogan mit willkürlichen Verhaftungen und Pressionen gegen die unabhängige Justiz die Rechtsstaatlichkeit "zunehmend in Frage stellt". Von Marschall: "Wir müssen diskutieren, wie wir mit Ländern wie der Türkei umgehen, die in eine ganz falsche Richtung marschieren."Für Matern von Marschall sollte die EU "mit einer Stimme" gegenüber Erdogan auftreten. Dabei sei die Wirtschaftspolitik ein Schlüssel: "Erdogans Akzeptanz hängt vom Wohlergehen der Bevölkerung ab." Deshalb sei der von Ankara gewünschte Ausbau der Zollunion mit der EU eine Möglichkeit, Einfluss auf die Politik der Türkei zu nehmen. Von der Diskussion um ein Rüstungsexportgesetz mit strengeren Regeln hält Matern von Marschall wenig: "Wir haben unter anderem durch Außenwirtschaftsgesetz und Bundessicherheitsrat nationale Beschränkungen und Kontrollen. Darüber hinaus sollten wir auf einheitliche Regeln in der EU drängen "

Matern von Marschall ist studierter Romanist und Historiker. Er hat eine Ausbildung zum Verlagskaufmann und arbeitete lange leitend bei einem Wissenschaftsverlag. Seit 2003 ist er Geschäftsführer bei einem Hörbuch-Verlag in Freiburg. In die Politik sei er eher "hineingerutscht", sagt von Marschall. Auf Anregung des örtlichen CDU-Chefs trat er mit 41 Jahren in die CDU ein. Seit 2013 ist er direkt gewählter Abgeordneter im Bundestag. Damals distanzierte er im Wahlkreis Freiburg Gernot Erler (SPD), 2017 siegte er - nicht abgesichert über die CDU-Landesliste - knapp gegen die Grünen-Politikerin Kerstin Andreae. Im neuen Bundestag sitzt von Marschall neben dem EU-Ausschuss noch im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Der verheiratete Vater zweier Töchter wohnt im Familienschloss Neuershausen in March bei Freiburg. Skifahren und Wandern sind Hobbys des Abgeordneten. Und er ist begeisterter Ornithologe. Die naturverliebte Mutter brachte dem Buben bei, Vogelstimmen "ganz genau zu unterscheiden".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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