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Rückkehr DES RAUBTIERS
Friederike Beckh
Von Wölfen und Schafspelzen

Der Wolf ist wieder da und entfacht Diskussion über den Umgang mit dem Wildtier

Der Wolf ist wieder da: Seit 20 Jahren erobern sich die Raubtiere alte und neue Gebiete in Deutschland zurück. Ebenso lange spalten Wölfe die Gemüter. Auf der einen Seite Wolf-Fans, die nicht genug von den Wildtieren bekommen können und sie am liebsten erneut zum Haustier verwandeln wollen. Auf der anderen Seite Bauern, die immer häufiger ihre Schafe und Lämmer und damit ihre Lebensgrundlage, tot auf der Weide finden und sich nicht unterstützt fühlen. Es gibt Eltern, die ihre Kinder nicht weiter alleine in den Wald lassen wollen. Das erste Wolfspaar wurde 1998 in Sachsen gesichtet. Als im Jahr 2000 dann zum ersten Mal seit der Ausrottung Welpen in Deutschland geboren wurden, galt der Wolf als angekommen. "Das Besondere daran ist, dass wir die Anpassungsfähigkeit von Wölfen komplett unterschätzt haben. Sie sind einfach gekommen", sagt Heribert Hofer, Leiter des Leibniz Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW).

Mittlerweile leben nach Schätzungen des Deutschen Jagdverbands (DJV) etwa 800 Wölfe vor allem im Osten Deutschlands. Da sie sich zahlreich und schnell vermehren, wachsen auch die Bestände in Niedersachsen kräftig, und selbst im Süden und Westen der Bundesrepublik breiten sich Wolfspaare aus. Ein absoluter Erfolg für den Naturschutz, meinen Wissenschaftler und Tierschützer.

Gleichzeitig löst die Entwicklung Diskussionen über den Schutz von Menschen und Nutztieren vor Wölfen aus. Besonders die Landbevölkerung verunsichern die neuen Nachbarn: Zur Beute der Wölfe gehören neben Wildtieren, zu vier Prozent auch Haus- und Nutztiere. Diese vier Prozent machen vor allem Schäfern und Bauern zu schaffen. Die offizielle Statistik des Bundes geht von 3.455 getöteten und verletzten Weidetieren in den Jahren 2002 bis 2016 aus. Es stellt sich folglich die Frage, welche Maßnahmen getroffen werden müssen, damit ein Zusammenleben auch nach den Jahren ohne Wölfe in Deutschland wieder möglich wird.

Diskussion über Abschuss Immer wieder fordern sowohl Jägerverbände als auch Bürger, den bisher absolut geschützten Wolf zur Jagd freizugeben. So soll verhindert werden, dass er sich weiter vermehrt. Dem DJV zufolge kommt man am Ende des Tages nicht am Instrument Jagd vorbei. Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) sieht diese Notwendigkeit nicht. "Da sich aus ökologischen Mechanismen wie Verfügbarkeit von Nahrung und Krankheiten ein natürliches Wechselspiel aus Vermehrung und Sterblichkeit ergibt, reguliert sich die Wolfspopulation auf natürliche Weise", erklärt NABU-Wolfsexperte Lucas Ende.

Momentan werden Wölfe international, EU-weit sowie in Deutschland speziell geschützt, damit sie auch langfristig wieder zur deutschen Artenvielfalt gehören. Das seit 1976 von Deutschland ratifizierte Washingtoner Artenschutzabkommen (WA) soll dafür sorgen, dass international unter anderem mit Wolfspelzen kein Handel getrieben wird. Deutschlandweit sichert das Bundesnaturschutzgesetz, dass Wölfe nicht ohne Grund gejagt werden und ihre Fortpflanzungs- und Ruhestätten erhalten bleiben.

Der DJV sieht in der europäischen Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH) jedoch Spielräume, die die deutsche Politik besser nutzen müsse. "Wir fordern eine Herabstufung von streng geschützt zu weniger streng geschützt", erklärt Jürgen Hammerschmidt, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Jagdgenossenschaften und Eigenjagdbesitzer (BAGJE). Außerdem müsse der Wolf wieder in den Katalog der jagdbaren Arten aufgenommen werden, wo er bis 1976 aufgelistet war.

Für Leibniz-Forscher Hofer wäre dies der falsche Schritt: "Mindestens jeder sechste Wolf in Deutschland wird illegal erlegt und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Dagegen wird zurzeit offensichtlich nichts unternommen. Wie realistisch ist es, dass Abschussquoten bei legalem Jagen eingehalten werden und keine Wilderei mehr auftritt?"

Seiner Meinung nach könnten Ängste und falsche Verhaltensweisen von Menschen mit rechtzeitiger, umfassender Aufklärung von vornherein vermieden werden. Obwohl absehbar sei, dass sich in Ländern Wölfe niederlassen, setzen die Verantwortlichen darauf, dass der Kelch an ihnen vorübergehe, kritisiert Hofer. Und wo der Jagdverband den Wolf als denjenigen herausstellt, der zunächst wieder die Scheu vor Menschen lernen müsse, sieht der Forscher die Herausforderungen vielmehr im menschlichen Verhalten begründet: "Die Probleme fangen erst an, wenn Menschen Wölfe füttern. Wie viele Raubtiere betreiben sie Risikomanagement und vermeiden Menschen, außer sie werden mit Futter angelockt, dann prägt sich der Mensch als Nahrungsquelle ein."

Schon jetzt erschießen Jäger verhaltensauffällige Wölfe, die sich Menschen zu aufdringlich nähern, egal ob durch Anlocken oder auf Grund von Krankheiten wie Tollwut. Dem NABU zufolge gilt Deutschland seit 2008 als tollwutfrei und es gab seit 2000 keine Situation, bei der sich freilebende Wölfe aggressiv gegenüber Menschen verhalten haben. "Wichtig ist eine stärkere Investition in transparente Wissensvermittlung und flächendeckenden Herdenschutz, um ein gutes Zusammenleben zu erreichen", ergänzt der NABU. Diese Wissensvermittlung zum Umgang mit Wölfen und das Bereitstellen von Fakten ist aus Hofers Sicht Aufgabe des Staates. "Menschen akzeptieren Risiken, mit denen sie vertraut sind." Ein erster Schritt dafür sei die Dokumentations- und Informationsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW), dort werden Informationen deutschlandweit gebündelt.

Umgang mit Betroffenen verbessern Der Bundesverband der Berufsschäfer indes bekommt die Auswirkungen der neuen Tiervielfalt konkret zu spüren: Knapp 87 Prozent der bis 2016 gerissenen Tiere seien Schafe und Ziegen, sagt Sprecher Günther Czerkus. "Die noch nicht mit eingearbeiteten Zahlen von 2017 zeigen eine stark steigende Tendenz." Grund für die hohe Zahl sei auch, dass Raubtiere wie Wölfe in einer Schafsherde nicht ihren Jagdtrieb befriedigen können, deswegen mehrere Schafe reißen und trotzdem nicht alle fressen. Die Dunkelziffer sei außerdem hoch, und vor allem mangele es an vorbereiteten Fachleuten, um tote Schafe zu begutachten und Wolfsrisse festzustellen, sagt Czerkus. Landesregierungen können Kosten erstatten - eine freiwillige Regelung, die auf den jeweiligen von den Ländern erstellten Wolfsmanagementplänen beruht. Czerkus fordert in diesem Zusammenhang rechtsverbindliche Regelungen und damit verbundene Transparenz. Er bemängelt vor allem den Umgang mit Betroffenen: "Es gibt erheblichen Verbesserungsbedarf, damit Geschädigte nicht wie Subventionsschleicher behandelt werden."

Bei der Ermittlung des Kostenaufwands verweist der Deutsche Bauernverband (DBV) darauf, dass neben dem Wert des toten Tieres auch Ausfall- und Anschaffungskosten für ein neues Tier zu beachten seien - entsprechend schwierig seien Pauschalaussagen. Dazu kämen Tierarztkosten für verletzte Tiere. Die erstattete Summe der Kosten lag der Dokumentationsstelle des Bundes zufolge im Jahr 2016 bei 135.140 Euro.

Nicht abgedeckt sind die Kosten für Folgeschäden wie zum Beispiel Fehlgeburten von Lämmern, die noch lange nach dem Vorfall durch den erlittenen Schock auftreten können. Voraussetzung für Ausgleichszahlungen, ist der vorgeschriebene Schutz der Herde durch Elektrozäune oder Hütehunde. Für diese Präventionsmaßnahmen gaben die Landesregierungen im Jahr 2016 etwa 1,1 Millionen Euro aus. Der Bauernverband dringt auf eine bundesweite Regelung, für Erstattungszahlungen, um Landeskassen zu entlasten und Entschädigungen sicherzustellen.

Wolfsfreie Zonen gefordert "Die Aufnahme ins Jagdrecht ist zweitrangig, entscheidend ist ein funktionierendes Bestandsmanagement", fordert der Generalsekretär des Bauernverbands, Bernhard Krüsken. "Regionen mit intensiver Weidenutzung müssen wolfsfrei sein." In den vor allem im Norden und Nordwesten Deutschlands gelegenen Regionen, in denen Weideland landschaftsprägend ist, reiche Umzäunung oder Vertreibung von einzelnen Wölfen durch Gummigeschosse nicht aus. "In diesen Gegenden müssen einzelne Wölfe oder notfalls auch ganze Rudel entnommen werden, auch um zu verhindern, dass die Wölfe sich auf Weidetiere und das Überwinden von Zäunen spezialisieren", begründet Krüsken seine Forderung. Er verweist dabei auf die Länder Schweden und Finnland, in denen Wölfe bereits systematisch getötet werden. "Man kann nicht ganz Deutschland umzäunen", gibt Krüsken zu Bedenken.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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