Inhalt

EDITORIAL
Jörg Biallas
Kniffelige Grenze

Die Trennlinie verläuft irgendwo zwischen Werbung und Aufklärung. Wann informiert ein Arzt aus neutraler Warte über den Abbruch einer Schwangerschaft? Und ab wann preist er seine medizinischen Dienste an mit dem Ziel, aus einer Abtreibung einen finanziellen Vorteil zu erlangen?

Juristisch ergibt sich daraus eine kniffelige Grenzziehung, auch wenn der Paragraf 219a im Strafgesetzbuch eindeutig klingt. Demnach ist es verboten, einen Schwangerschaftsabbruch anzubieten, anzukündigen oder anzupreisen, um damit Geld zu verdienen.

Ohnehin sind Abtreibungen in Deutschland in der Regel rechtswidrig. Sie werden aber nicht verfolgt, wenn festgelegte Fristen eingehalten worden sind und eine vorgeschriebene Beratung erfolgt ist.

Auch dürfen Ärzte grundsätzlich keine reißerische Werbung für ihre medizinischen Angebote machen. Das gilt gleichermaßen für eine Hautkrebs-Vorsorgeuntersuchung wie für eine Abtreibung.

Was die Sache nun so kompliziert macht ist die Befürchtung, dass offensive Hinweise auf die Möglichkeit eines künstlich herbeigeführten Endes einer Schwangerschaft Frauen ermuntern könnten, diesen Schritt zu tun. Wie realistisch diese Sorgen sind, mag jeder für sich selbst entscheiden.

Hilfreich wäre dabei freilich, weder bei den Frauen noch bei den Ärzten die Bereitschaft zur Verantwortung zu unterschätzen. Der Abbruch einer Schwangerschaft ist für beide Seiten eine emotionale Ausnahmesituation.

Kein Arzt, keine Ärztin wird leichten Herzens ungeborenes Leben beenden. Und dass schwangere Frauen eine so schwerwiegende Entscheidung in aller Regel erst nach reiflicher Überlegung und mit guten Gründen treffen, darf getrost unterstellt werden. Wie übrigens auch die Annahme in die Irre führt, strengere Regeln für Schwangerschaftsabbrüche führten zu weniger Abtreibungen.

Das beste Argument gegen Schwangerschaftsabbrüche bleibt nach wie vor ein möglichst sorgenfreies Umfeld für Mutter und Kind. Dazu gehören finanzielle Sicherheit, eine Wohnung, ein Job sowie die Möglichkeit einer Kinderbetreuung.

Wäre es nicht schön, wenn Mediziner gar nicht erst versucht wären, für Abtreibungen zu werben, weil dieses Angebot ohnehin kaum noch nachgefragt wird?

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag