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Aschot Manutscharjan
Kurz REZENSIERT

Nach 40 Jahren beschlossen die Briten, der Europäischen Union den Rücken zu kehren. Jochen Buchsteiner, der seit vielen Jahren für die FAZ aus London berichtet, sieht darin einen Angriff auf den europäischen Konsens, die EU als zivilisatorisches Friedens- und Fortschrittsprojekt, als "immer engere Union", weiterzuentwickeln. Folgt man dieser Lesart, kommt der Brexit einem Anschlag auf die Vernunft gleich. Die Nachteile, die mit ihm einhergehen, liegen auf der Hand: Die EU verliert die zweitwichtigste Volkswirtschaft, einen "Netto-Zahler", außerdem nach außen an Strahlkraft und Gewicht. Umgekehrt verzichten die Briten auf alle politischen und wirtschaftlichen Vorteile, die ihnen der freie Zugang zum EU-Binnenmarkt bietet.

Wurden die Briten, die einst als besonders pragmatische Zeitgenossen galten, Opfer eines verlogenen nationalistischen Populismus, wie manche Europäer und die Verlierer der Volksabstimmung vermuten? Der Journalist wundert sich über diese Mutmaßungen, unterstellen sie doch der "Mehrheit der Nation Dummheit und mangelndes Verständnis für das Wesen der Demokratie". Verbirgt sich hinter der Mehrheitsentscheidung für den Brexit "womöglich sogar eine höhere Rationalität?"

Buchsteiner führt das Abstimmungsergebnis auf den Protest der Insulaner gegen die Vertiefung des europäischen Einigungsprozesses zurück. Deshalb macht er auch nicht den früheren Premierminister David Cameron, der das Referendum angesetzt hatte, für den Ausgang der Abstimmung verantwortlich. Vielmehr führt er das Ergebnis auf historische Erfahrungen der Briten als Vertreter der ersten Demokratie der Welt zurück. Denn bei der Unterhauswahl ein Jahr später ließ sich kein Meinungswandel der Wähler erkennen: Die Liberaldemokraten, die sich als einzige Partei gegen den Brexit positioniert hatten, kamen auf weniger als acht Prozent. "Die Mehrheit für den Ausstieg aus der EU blieb in den Umfragen verblüffend konstant", stellt Buchsteiner in seinem lesenswerten und perfekt geschriebenen Essay fest.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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