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Aschot Manutscharjan
Kurz rezensiert

Die große Bereitschaft der Deutschen, geflüchteten Menschen zu helfen, ist seit dem Jahr 2015 nicht verebbt - ungeachtet mancher schwer erträglichen Vorkommnisse und politischen Krisen. Auch wenn eine Partei wie die AfD davon profitierte, zeigte die Flüchtlingskrise bundesweit einen "gelebten Humanismus", den "eine Mehrheit der Bündesbürger" bis heute "als identitätsbestimmend empfindet". So lautet das vielleicht überraschende Fazit der Autoren des empfehlenswerten Buches über die Wiederaufstehung des Nationalismus in Deutschland.

Die vier Historiker Norbert Frei, Franka Maubach, Christina Morina und Maik Tändler analysieren, wie eine Rückkehr des Nationalismus in einer Gesellschaft möglich war, die ihre Vergangenheit mit zwei Diktaturen "bewältigt" zu haben schien. Aus zeithistorischer Perspektive legen sie die Hintergründe des Nationalismus und dessen Vorläufer dar. Allerdings sei keiner dieser Anläufe so erfolgreich gewesen wie der gegenwärtige Versuch. Die Wissenschaftler führen dies vor allem auf die Entwicklung in Ostdeutschland zurück.

Das Scheitern des Kommunismus habe den Menschen eben nicht nur Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit gebracht. Nach heftigen ökonomischen, sozialen und kulturellen Umbrüchen glimmte in den neuen Ländern eine explosive Stimmung. Im Zuge der Flucht- und Migrationskrise konnte die aufgestaute Wut vieler Bürger eine besondere Wirkung entfalten. Einen entscheidenden Beitrag dazu leisteten auch die "westdeutschen Ostlandreiter": Nationalkonservative Strategen, neurechte Theoretiker und rechtsradikale Demagogen, die nach der Einheit in den Osten gezogen waren. Gemeinsam mit einheimischen Aktivisten initiierten sie eine "gesamtdeutsche vermeintlich bürgerliche Sammlungsbewegung". Der Appell der Autoren: Die neue "nationalistische Formation" verlange nach dem Widerspruch aller, denen die hart erkämpfte "liberale Demokratie und eine menschenfreundliche Gesellschaft am Herzen liegen".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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