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Gastkommentare - Contra
Robert Birnbaum, "Der Tagesspiegel", Berlin
Weit komplexer

Ist das Bündnis noch glaubwürdig?

D ass sich die Frage überhaupt stellt, zeigt schon: Zweifel sind angesagt. Vordergründig richten sie sich an Donald Trump. Dessen "America-first"- Ideologie passt nicht zum Beistandsversprechen der Nato. Seine konkrete Politik weckt noch weniger Vertrauen in die einstige Schutzmacht. Ziellosen Luftschlägen in Syrien folgt ein Schulterklopf-Treffen mit Wladimir Putin, großmäulig inszenierten Friedensgipfeln mit Nordkorea der wortkarge Abbruch. Verteidigungsminister James Mattis gab entnervt auf, weil sein Chef im Weißen Haus den Wert von Bündnissen nicht begriff.

Doch so sehr Trumps Unverstand den Nordatlantikpakt erschüttert - die Schwäche ist älter. Sie gründet in dem Irrtum, dass der Fall der Mauer das Ende der Geschichte sei. Er war aber nur der Anfang der nächsten unerfreulichen Episode.

Als Putin die desolate Rote Armee modernisierte, schauten noch alle weg. Die Friedensdividende klingelte einfach zu verführerisch. Erst die "grünen Männchen" auf der Krim führten dem Bündnis vor, wie erpressbar es geworden war. Erst da fiel auf, dass Estland oder Ostpolen schutzlos dalagen, weil es selbst an der Logistik fehlte, um Truppen zu verlegen. Erst da merkten Militärs und Politiker, dass sie noch im Schema des Kalten Kriegs dachten: Entweder herrscht Frieden oder atomares Armaggedon.

Die neue Lage ist weit komplexer und kostspieliger. Die Szenarien reichen vom Cyber-Störmanöver über Freischärler-Aktionen bis zum Einmarsch; hinzu kommen internationale Kriseneinsätze. Und das ist nur der militärische Teil. Glaubwürdig wird die Nato erst wieder, wenn ihre Bürger - und Mitgliedsstaaten - sie neu als notwendig erkennen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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