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Amri-Ausschuss
Winfried Dolderer
Feixend beim Verhör

Bericht über Kumpel des Attentäters

Der Islamist war bester Laune. Breit grinsend und feixend saß Bilel ben Ammar vor seinen Vernehmern. "Ich weiß gar nicht, wie Sie auf mich gekommen sind", wunderte er sich ein ums andere Mal.

Die Zeugin S. D., Kriminaloberkommissarin im Berliner Landeskriminalamt, hatte das Protokoll seines Verhörs vom 27. November 2015 vergangene Woche in den 1. Untersuchungsausschuss mitgebracht. Das damalige Fazit: Nichts von dem, was die Polizei bei der Überwachung seines Telefons über ihn herausgefunden hatte, machte auf Ben Ammar, den engsten Kumpel des späteren Breitscheidplatz-Attentäters Anis Amri, auch nur den geringsten Eindruck.

Nun gut, räumte er ein, er habe in Deutschland unter falschem Namen Asyl beantragt. Er finde es hier nun einmal angenehmer als daheim im Tunesien. Aber sonst? Er soll vorgehabt haben, zum sogenannten Islamischen Staat nach Syrien auszureisen? Was für ein Quatsch! Wieso hätte er dann von Tunesien aus den Umweg über Deutschland nehmen sollen?

Er soll im Gespräch mit einem Bekannten von einem "schönen Tod" gefaselt haben? Ja, der brave Mann habe sich geängstigt, weil er sich weltlichen Genüssen hingegeben, seine Gebetspflichten vernachlässigt habe und jetzt den Zorn Allahs im Jenseits fürchtete. Er habe ihn beruhigen wollen: Ein gläubiger Moslem dürfe dem Tod gefasst entgegenblicken. Er soll schließlich über Bombenanschläge auf Züge und Ungläubige, die sich nicht mehr sicher fühlen dürften, schwadroniert haben? "Keine Ahnung, wie Sie jetzt darauf kommen."

Ben Ammar hatte gut lachen. Am Vortag war das LKA mit Mann und Macht in die Berliner Seituna-Moschee eingefallen auf der Suche nach einem Koffer mit Sprengstoff. Ein Koffer fand sich in der Tat. Er enthielt Datteln und Rosenwasser. Auch diese Aktion war auf eine Andeutung Ben Ammars zurückgegangen, der am Telefon wiederholt geraunt hatte, er erwarte da "eine Sache" aus Tunesien.

Eine witzige Episode? Mit Blick auf den Untersuchungsauftrag des Ausschusses, zu klären, wie es im Dezember 2016 zum Attentat auf dem Berliner Breitscheidplatz hat kommen können, hat sie auch ihre tragische Seite. Illustriert sie doch, dass die Zuständigen die islamistische Bedrohung keineswegs auf die leichte Schulter nahmen. Lieber einmal unnötig zuschlagen als einen Anschlag nicht verhindern, lautete offenbar die Devise. Und doch ist es nicht gelungen, Anis Amri aufzuhalten.

Den habe er damals "in jedem Fall" für gefährlich gehalten, berichtete ein anderer Zeuge in der vorigen Woche vor dem Ausschuss, Kriminalhauptkommissar Alexander Stephan aus dem Bundeskriminalamt (BKA). Allerdings sei die Gefahr "zwar hoch, aber nicht hinreichend konkret" erschienen. Stephan gelang es Ende 2015, die hinter etlichen Pseudonymen verschleierte Identität Amris zu klären, nachdem das BKA ebenfalls durch ein abgehörtes Telefonat Ben Ammars auf ihn aufmerksam geworden war. Dass die Polizei in Nordrhein-Westfalen ihn damals als Islamisten schon im Visier hatte, war dem BKA jedoch nicht bekannt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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