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psychotherapeuten
Claus Peter Kosfeld
Blick in die Seele

Die Ausbildungsreform sieht einen eigenen Studiengang vor

Bei der geplanten Ausbildungsreform für Psychotherapeuten geht es nicht um das Ob, dafür umso mehr um das Wie. Die erste Beratung des Gesetzentwurfs der Bundesregierung (19/9770) vergangene Woche zeigte, dass die Opposition in einigen Punkten überhaupt nicht einverstanden ist und auch die Koalitionsfraktionen von Union und SPD noch Änderungen einfordern. Unstreitig scheint immerhin, dass eine Aktualisierung überfällig ist, da der jetzige Ausbildungsrahmen von 1998 stammt und damit sowohl inhaltlich wie formal den modernen Ansprüchen nicht mehr gerecht wird.

Wichtige Arbeit Die Vorlage beinhaltet vor allem akademische Regelungen, es geht aber auch um die Versorgung der Patienten, die oft monatelang auf einen Therapieplatz warten. Wie wichtig und gefragt die Arbeit der Psychotherapeuten heute ist, zeigen Zahlen der Krankenkassen und Fachverbände. Wie die AOK in ihrem Fehlzeiten-Report 2018 vermerkt, ist die Anzahl der Fehltage im Job aufgrund psychischer Erkrankungen zwischen 2007 und 2017 um rund 68 Prozent gestiegen. Die Ausfallzeiten liegen demzufolge mit rund 26 Tagen mehr als doppelt so hoch wie im Durchschnitt aller Fälle. Noch dramatischer lesen sich die Hinweise der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), die anmerkt, dass jedes Jahr rund 28 Prozent der erwachsenen Bevölkerung oder rund 17,8 Millionen Menschen von einer psychischen Erkrankung betroffen sind. Zu den häufigsten Erkrankungen gehören Angststörungen sowie affektive Störungen, die mit starken Stimmungsschwankungen verbunden sind, darunter Depressionen. Die Diagnose psychisch krank ist heute immerhin kein Stigma mehr wie früher, sondern eine weithin akzeptierte Realität, ein Problem, dem sich die Gesellschaft stellen muss.

Ausbildung Rund 44.000 Psychologische Psychotherapeuten sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten arbeiten laut DGPPN derzeit in Deutschland. Ferner haben rund 16.000 Fachärzte eine Weiterbildung in Psychotherapie oder Psychoanalyse abgeschlossen. Nun sieht das Reformgesetz vor, dass die Psychotherapie ein eigenständiges Studienfach wird, das nach fünf Jahren mit der Prüfung zum Psychotherapeuten abschließt. Bisher müssen Psychotherapeuten ein Psychologiestudium und eine anschließende Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten absolvieren. Der neue Studiengang soll erstmals zum Wintersemester 2020 angeboten werden. Die inhaltliche Ausgestaltung wird in einer Approbationsordnung geregelt, die gesondert erarbeitet wird, was der Opposition auch überhaupt nicht gefällt. Auf das Studium folgt eine Weiterbildung in stationären und ambulanten Einrichtungen, wobei die Behandlungsleistungen der Psychotherapeuten in Weiterbildung (PiW) von den Krankenkassen künftig vergütet werden.

Um die Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen zu verbessern, sollen Hausärzte, Psychotherapeuten, Suchtberatungsstellen und Familiendienste besser zusammenarbeiten. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) erhält dazu einen Auftrag zur Ergänzung der Psychotherapierichtlinie.

Praxis Die Parlamentarische Gesundheits-Staatssekretärin Sabine Weiss (CDU) sagte, inhaltlich werde das neue Studium breit angelegt. So werde die Approbationsordnung verpflichtende Vorgaben für eine Ausbildung in allen wissenschaftlich anerkannten psychotherapeutischen Verfahren beinhalten. Sie versicherte zugleich: "Theorie und Praxis werden von Anfang an miteinander vernetzt."

Gerade das bezweifelt die Opposition und fordert eine stärkere Gewichtung der praktischen Ausbildung. Es gehe um nicht weniger als das "Verständnis der Funktion, Dynamik und Struktur der Seele", merkte Robby Schlund (AfD) an, dessen Fraktion ebenso wie die FDP-Fraktion mindestens ein zusätzliches Praxissemester fordert.

Mit Blick auf die Versorgung der Patienten erinnerte Schlund daran, dass unlängst der Plan eines "gestuften und gesteuerten" Zugangs zur psychotherapeutischen Behandlung gescheitert ist. Nun komme Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) mit einer neuen Regelung "durch die Hintertür". Emmi Zeulner (CSU) stellte klar: "Es wird kein Delegationsverfahren durch die Hintertür geben, und wir wollen auch keine minutenweise Vorgabe für die Behandlung der Patienten." Der Zugang für psychisch Kranke müsse "niedrigschwellig" sein und die Therapiefreiheit erhalten bleiben.

Finanzierung Karl Lauterbach (SPD) würdigte die Vorlage als eine der am intensivsten vorbereiten Reformen, die auch dringend nötig sei. Die Methoden in der Psychotherapie seien vielfältiger und besser geworden. Auch die Forschung habe Fortschritte gebracht. Mit dem Gesetz werde überdies der "unhaltbare Zustand" einer mangelhaften Vergütung der Auszubildenden beendet. Die jetzigen Psychotherapeuten in Ausbildung (PiA), die ein Studium absolviert, aber noch keine Approbation (Berechtigung zur Behandlung) hätten, würden wie Praktikanten bezahlt. Künftig folge die Approbation direkt auf das Studium. In der folgenden Weiterbildung könnten die Absolventen unter Anleitung auch Patienten behandeln. So entstehe "ein gutes, bezahltes, einheitliches Konzept von Studium und Weiterbildung.

FDP, Grüne und Linke sehen gerade hier den Knackpunkt. Wieland Schinnenburg (FDP) sprach von einer "halbseidenen Lösung", die zudem erst in zehn Jahren greife. In diesem und im nächsten Jahr gelte noch das alte System, die Auszubildenden steckten weiter im "Schlamassel". Sie müssten wenigstens vom Schulgeld entlastet werden. Der Entwurf gehöre "auf die Couch". Auch Sylvia Gabelmann (Linke) forderte Übergangsregelungen, "um endlich die ausbeuterischen Bedingungen zu beenden". Außerdem fehle ein Konzept zur Finanzierung der Weiterbildung. So sei unklar, wie im ambulanten Teil die Ausbildungs- und Supervisionsstunden (Beratung) honoriert werden sollen. Zu befürchten sei überdies, dass die Einseitigkeit des Studiums fortgeschrieben werde.

Maria Klein-Schmeink (Grüne) sagte, die Auszubildenden häuften derzeit Schulden von bis zu 40.000 Euro an, und das nach einem Studium. Sie warnte, künftig werde es parallel Nachwuchskräfte geben, die bezahlt würden (PiW) und andere (PiA), die als Praktikanten kämen. Dirk Heidenblut (SPD) räumte ein, es sollte gar nicht erst zu einer Übergangszeit von zwölf Jahren kommen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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