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Aufgekehrt
Hans Krump
Plakativer Aktionismus

Von wegen digitale Zukunft. Der Europawahlkampf ist analog wie annodazumal, jedenfalls was die Plakate an unseren Straßen betrifft. Sie sind wie immer ganz haptisch aus Pappe, Papier oder Kunststoff, werden von der Menschen Schweiß aufgehängt, aufgestellt, beschädigt, heruntergerissen oder vom Wetter zerzaust. Keine der 41 Parteien, die diesmal hierzulande in Rekordzahl kandidieren, verzichtet darauf. Und so (verun-)zieren in diesen Wochen abertausende Plakate mit Allerwelts-Sprüchen wie "Wir bauen das neue Europa", "Europas Chancen nutzen" oder "Europa ist die Antwort" die Laternen oder Straßenränder.

Der Bürger soll so hinterm Ofen an die Wahlurne hervorgelockt werden, die maue Wahlbeteiligung bei Europawahlen nach oben gehen. Bisher ist allerdings kaum jemand auf Bürger gestoßen, die sagen: "Ich wusste nicht, wen ich wählen sollte. Aber dann sah ich das Super-Plakat der xy-Partei und da habe mich für sie entschieden." Einig sind sich die Experten nur, dass Wahlplakate eine Signalwirkung haben. Der Bürger soll auf dem Weg zur Arbeit oder beim Einkaufen merken, dass eine Wahl ansteht. Und dann tatsächlich wählt.

Keine Partei, egal wie sehr in der digitalen Welt aktiv, traut sich, diese althergebrachten Tradition mit den Wahlplakaten zu beenden. Trotz aller Umweltschädlichkeit und hohen Kosten. Einfach aus Angst vor Nachteilen im Stimmenkampf. Dabei weilt der Durchschnittsblick des Bürgers auf ein Wahlplakat gerade zwei Sekunden. Eigentlich nichts, was einen prägt oder gar umstimmt. Nach allem, was man weiß, treiben die Parteien, wenn sie Plakate aufstellen, auch die Anhänger anderer Parteien zur Wahl, selbst wenn die eigene Gruppierung wegen des Plakateanschauens nicht gewählt wird. Das wäre dann auch eine demokratische Mission.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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